Ausgabe: September-Oktober 2026

Ökumene

Wenn die Kirche nicht mehr finanzierbar ist

Wenn aus einem Kirchenraum ein Trampolinpark wird wie hier im Projekt „St. Maria als“ in der Kirchengemeinde St. Maria in Stuttgart 2017 : „In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.“ (Lk 1,44). Foto: STADTLÜCKEN e.V.

Kirchenumwidmung ist kein Immobilienprojekt, sondern ein Transformationsprozess. Wer ihn auf Bau- oder Finanzfragen verkürzt, übersieht die eigentliche Herausforderung. Der Beitrag zeigt, worauf es bei Struktur, Phasen und Haltung ankommt.

Eine Kirche oder ein Gemeindezentrum umwidmen oder gar veräußern: Vor dieser Situation stehen heute evangelische wie katholische Gemeinden. Diese Situation ist irritierend und schmerzhaft. Kirchenzentren sind schließlich mehr als nur Gebäude – sie sind Orte der Begegnung und der Erinnerung und Teil der Identität. Es fällt schwer, sie nicht mehr als Selbstverständlichkeit, sondern als wirtschaftliche Aufgabe wahrzunehmen. Wichtig ist: Diese Situation ist weder ein Einzelfall noch ein Zeichen von Versagen. Sie ist Ausdruck des tiefgreifenden Strukturwandels, in dem sich die Kirche insgesamt befindet.

Mehr als eine Bau- oder Finanzfrage

Wenn über die Zukunft von Kirchen oder Gemeindezentren gesprochen wird, richtet sich die Aufmerksamkeit meist zuerst auf die baulichen Zustände oder Finanzierungsfragen. Das ist auch wichtig. Gleichzeitig greift es jedoch zu kurz, Kirchenumwidmung nur als Bauprojekt oder als betriebswirtschaftliche Aufgabe zu verstehen. Denn Fragen nach neuer Nutzung, Reduktion oder Aufgabe berühren Themen von Identität, Selbstverständnis und Auftrag.

Hinzu kommt: Die Kirchenumwidmung als Prozess verändert die Organisation, die Leitung und die Zusammenarbeit innerhalb einer Gemeinde. Kirchenvorstände und Kirchenverwaltungen müssen weitreichende Entscheidungen treffen. Arbeitsgruppen befassen sich mit Nutzungsideen, Wirtschaftlichkeit oder Konzepten. Die Gemeinde ist emotional beteiligt, zudem kommen Erwartungen von außen hinzu – aus dem Stadtteil, der Kommune, von potenziellen Nutzerinnen und Nutzern sowie von kirchenleitenden Organen.

Klare Rollen und Ebenen

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Klarheit darüber, auf welchen Ebenen gedacht, gearbeitet und entschieden wird. Gerade in kirchlichen Kontexten verschwimmen diese Ebenen oft: Engagierte sind auf verschiedenen Ebenen beteiligt, Verantwortung wird geteilt und Entscheidungswege sind historisch gewachsen. Umso wichtiger ist es deshalb, im Prozess bewusst Ordnung zu schaffen. Kirchenvorstände, Kirchenverwaltungen und Pfarrgemeinderäte tragen die formale und rechtliche Verantwortung, die sie nicht delegieren können.

Für die inhaltliche Arbeit hingegen sind Projektgruppen zuständig, die sich mit Fragen der Nutzung, der Wirtschaftlichkeit und der Identität befassen. Ihre Aufgabe ist es, Informationen zu sammeln, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und belastbare Optionen zu entwickeln. Sie bereiten Entscheidungen vor, ohne sie selbst zu treffen.

Hilfreich ist es zudem, die Prozesssteuerung zu verorten. Eine solche Gruppe achtet auf die Verknüpfung und Vernetzung der verschiedenen Arbeiten. Nicht zuletzt ist die Gemeinde selbst Teil des Prozesses. Sie ist Resonanzraum, Trägerin von Erwartungen und Ort emotionaler Beteiligung.

Phasen erkennen

Kirchenumwidmungsprozesse verlaufen selten geradlinig. Sie entwickeln sich in Phasen, die eigene Aufgaben, Dynamiken und Belastungen mit sich bringen (siehe Kasten). Entscheidend ist, diesen Prozess bewusst zu gestalten und die Übergänge zwischen den Arbeitsschritten transparent zu machen.

Zentrale Themenfelder

Unabhängig von Konfession oder Ausgangslage lassen sich in Umwidmungsprozessen ähnliche Themenfelder identifizieren. Ein erstes Themenfeld betrifft Identität und Werte. Was macht den Charakter unseres Ortes aus und was muss in veränderter Form erhalten bleiben? Es geht nicht um ein nostalgisches Festhalten, sondern um Klärung: Was ist unverzichtbar? Was ist veränderbar? Und wo liegen die Grenzen?

Eng damit verbunden ist das Themenfeld neuer Nutzungen. Das Spektrum reicht hier von gemeindeinternen Angeboten über Kooperationen bis hin zu externen Nutzungen. Dabei ist Offenheit wichtig, zugleich braucht es aber auch Kriterien der Passung. Nicht jede Nutzung fügt sich in den Kontext von Gemeinde und Quartier ein.

Ein drittes Feld ist die Wirtschaftlichkeit, also der nüchterne Blick auf Kosten, Investitionen und laufende Aufwendungen. Vollkostenrechnung und langfristige Tragfähigkeit werden dabei zu entscheidenden Maßstäben. Diese Klarheit ist schmerzhaft.

Ein weiteres Themenfeld ist die Gestaltung des Prozesses selbst. Wer arbeitet woran? Wie werden Ergebnisse zusammengeführt und Entscheidungen kommuniziert?

Schließlich muss auch die Beteiligung der Öffentlichkeit geklärt werden. Wann wird intern informiert und wann wird die Beteiligung eröffnet? Wie gehen wir mit den Erwartungen von außen um? All diese Themenfelder stehen in Zusammenhang und beeinflussen sich gegenseitig. Gerade deshalb braucht es eine bewusste Steuerung.

Haltung als Schlüssel

Ob ein Umwidmungsprozess gelingt, hängt maßgeblich von der inneren Haltung ab, mit der er gestaltet wird. Eine zentrale Veränderung betrifft die Blickrichtung. Viele Gemeinden denken von innen heraus, d. h. aus der eigenen Geschichte, aus bestehenden Strukturen und vertrauten Formen des Gemeindelebens. In Umwidmungsprozessen weitet sich der Blick. Fragen aus dem Stadtteil, der Kommune oder von Kooperationspartnern spiegeln die eigene Rolle im Gemeinwesen wider.

Damit einher geht die Bereitschaft, externe Kompetenzen in Anspruch zu nehmen. Fachliche Expertise in Fragen von Wirtschaftlichkeit, Recht oder Nutzung entlastet die lokalen Akteure. Externe Moderation und Beratung helfen dabei, Rollen zu klären, Prozesse zu strukturieren und Konflikte frühzeitig zu bearbeiten. Externe Unterstützung ist ein Ausdruck professioneller Verantwortung.

Eine weitere Haltungsfrage betrifft den Umgang mit Unsicherheit. Umwidmungsprozesse lassen sich nie vollständig planen, denn manches entwickelt sich erst im Verlauf. Wer Unsicherheit durch vorschnelle Festlegungen vermeiden möchte, riskiert Fehlentscheidungen.

Schließlich müssen Entscheidungen getroffen und verantwortet werden. Beteiligung und Transparenz sind wichtige Voraussetzungen, ersetzen aber nicht die verbindliche Beschlussfassung. Eine klare Haltung zur Verantwortung schützt vor endlosen Diskussionen.

Eine klare Haltung zeigt sich nicht in einzelnen Aussagen, sondern im Zusammenspiel all dieser Aspekte. Wenn Gemeinden ihren Blick weiten, Unterstützung annehmen, Unsicherheit aushalten und Verantwortung übernehmen, wird die Umwidmung von einer Bedrohung zu einer gestaltbaren Aufgabe.

Prozess-Phasen:

Sammeln und Öffnen

Funktion: Perspektiven und Ideen ohne Bewertung sichtbar machen und Beteiligung ermöglichen.

Risiko: Themenfülle ohne Fokus und vorschnelle Lösungsfixierung.

Sichten und Ordnen

Funktion: Kriterien entwickeln, Prioritäten setzen und tragfähige Linien erkennen.

Risiko: Enttäuschung durch Begrenzung und Konflikte über Gewichtungen.

Modellieren

Funktion: Konkrete, realitätsnahe Szenarien entwickeln und auf Machbarkeit prüfen (inhaltlich, finanziell und organisatorisch).

Risiko: Verliebtheit in Wunschbilder und Vermeidung harter Realitätsfragen.

Entscheiden

Funktion: Klare Beschlussfassung durch die zuständigen Gremien und Übernahme von Verantwortung.

Risiko: Vertagung aus Harmoniebedürfnis und informelle Vorentscheidungen ohne Transparenz.

Umsetzen und Nachsteuern

Funktion: Beschlüsse konkretisieren, kommunizieren und Schritt für Schritt realisieren.

Risiko: Umsetzungsverzögerung, Rückzug ins Alte, fehlende Kommunikation.


Verfasst von:

Martin Schulte

evangelischer Pfarrer und systemischer Coach, Supervisor und Therapeut in Regensburg