Ausgabe: September-Oktober 2026

Katholisch in Bayern und der Welt

Die Angst steigt an

Bei der Gewerkschaftsveranstaltung zum 1. Mai 2026 in Würzburg machte Birgit Hohm auf die Betriebsseelsorge aufmerksam. Foto: PAT CHRIST

Betriebsseelsorger aus Bayern bekommen die Wirtschaftskrise in aller Drastik mit

Manche haben das Gefühl, als würde ihnen jemand die Gurgel zudrücken. Einer von ihnen ist der Mann, der vor Peter Hartlaub sitzt. „Ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll“, sagt er. Sein Job ist unsicher. Er wird ihn wohl verlieren. Das Haus muss noch abbezahlt werden. „Aus der Region möchte er nicht weg, weil seine Eltern und Schwiegereltern hier leben. Doch hier bei uns gibt es kaum Perspektiven“, berichtet der Theologe.

Eine starke Metall- und Elektroindustrie gilt als Markenzeichen der Region zwischen Schweinfurt und Rhön. Weltberühmte Firmen wie Siemens und ZF Friedrichshafen Aktiengesellschaft (ZF) haben hier ihren Sitz. Doch die Situation wird immer schwieriger. „Ich kenne vielleicht noch drei Betriebe, denen es gut geht“, sagt Peter Hartlaub. Allen anderen geht es schlecht. In vielen Unternehmen wurden bereits Arbeitsplätze abgebaut, zum Teil Hunderte. In anderen Betrieben ringt man um den Erhalt von Arbeitsplätzen. „Das ist die schwerste Krise, die ich in meiner fast 30-jährigen Tätigkeit erlebt habe“, sagt der Mitarbeiter der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB), die die Betriebsseelsorge in der Diözese Würzburg trägt.

Wenn ein individuelles Problem im Job auftritt, kann man einen Betriebsseelsorger zu Rate ziehen. Falls die Existenz eines ganzen Standorts auf dem Spiel steht, helfen Betriebsseelsorger ebenfalls. Betriebsseelsorger Peter Hartlaub hat es mit der kompletten Bandbreite zu tun. Er organisiert Resilienz-Seminare für Betriebsräte, die bis zur Verzweiflung dafür kämpfen, dass ihr Unternehmen nicht geschlossen wird. Langzeiterkrankten bietet er Gespräche über Wege zurück ins Unternehmen an.

Oft findet der Theologe vor Ort eine trübe Stimmung vor. Diese sei wesentlich trüber als früher: „Mein Eindruck ist, dass die Menschen großflächig resigniert haben.“ Vor 15 Jahren war das noch anders. Peter Hartlaub erinnert sich an einen von ihm mitorganisierten Rekord-Protest angesichts von Stellenabbauplänen bei Siemens. Das war am {TT}. April 2010. Tausende gingen auf die Straße. Der Protest war erfolgreich: „Und zwar, weil Siemens an Image zu verlieren hatte.”

Die Entscheider sitzen weit weg

Dass der Widerstand aktuell so gering ausfällt, liegt laut Peter Hartlaub nicht daran, dass es heute mehr Menschen ohne Rückgrat in den Betrieben gäbe. Die Eigentümer jener Firmen, die radikale Stellenstreichpläne durchsetzen wollen, sitzen meist irgendwo weit weg. Der Rhöner Automobilzulieferer „Preh” ist beispielsweise längst in chinesischer Hand. Protest in Unterfranken juckt in China jedoch niemanden. Das ist den Beschäftigten bewusst.

Die aktuelle Wirtschaftskrise wird unabsehbare Folgen haben – für die gesamte Gesellschaft. Vor allem aber belastet sie die Menschen in ihrem persönlichen Leben immens. Dabei geht es nicht nur um existenzielle Fragen. „Es geht auch um Würde“, betont Peter Hartlaub.

Zu erleben, wie viel besser ein Computersystem gegenüber dem Menschen abschneidet, und zu erfahren, dass man mit der Technik immer weniger mithalten kann, macht etwas mit einem. Den Menschen wird vermittelt, dass sie irrelevant zu werden drohen. Und das nicht nur wegen der Technifizierung. Irgendwo weit weg auf diesem Globus wird das, was sie seit 30 Jahren mit Herzblut tun, von billigeren Kolleginnen und Kollegen für einen Bruchteil des Geldes produziert.

Auch wenn es objektiv betrachtet unvermeidbar ist, dass Stellenpläne zusammengestrichen oder Standorte geschlossen werden, versucht Peter Hartlaub, die Menschen zum Protest zu motivieren. „Man muss sich noch einmal gerade machen“, appelliert er. Ebenso wichtig ist es für ihn, bei den Menschen zu sein und mit ihnen auszuhalten. Gefühle. Ängste. Er habe es keinen Tag bereut, Betriebsseelsorger geworden zu sein: „Dadurch entdeckte ich das Evangelium noch einmal neu.“

Chronische Zeitnot

Wie geht es dem Patienten? Geht es ihm besser? Hat er alles, was er braucht? Birgit Hohm, Betriebsseelsorgerin in Würzburg, steht oft mit Menschen in sozialen Berufen in Kontakt. Sie müssen nicht um ihren Job bangen. In diesen Branchen herrscht im Gegenteil Fachkräftemangel. Dafür werden sie von anderen, nicht weniger gravierenden Problemen geplagt: „Sie haben permanent das Gefühl, ihren Patienten, den Senioren im Heim oder den Kindern in der Kita nicht gerecht werden zu können.“

Das zu bewältigende Pensum überschreitet ständig die Kapazitäten. Hohm sagt: „Man muss fachlich und menschlich fit sein, und dann ist man ganz alleine in der Schicht, das belastet.” Die Betriebsseelsorgerin Birgit Hohm will für Beschäftigte in akuter oder chronischer Not jederzeit ansprechbar sein. Gleichzeitig unterstützt sie Kämpfe für eine gerechtere Welt. Während der Kundgebung zum 1. Mai 2026 informierte sie über die Betriebsseelsorge. Mitte Juni nahm sie an einer von der Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) organisierten Protestaktion gegen Sozialabbau teil. Mit der Industriegewerkschaft Metall (IG Metall) besprach sie unlängst die beklemmende Frage: „Wie ist das, wenn ein Betrieb in Rüstungsproduktion einsteigt und somit etwas herstellt, das dazu dient, Leben auszulöschen?”

Viele pastorale Ansätze ergeben sich ihrer Meinung nach aus der Tatsache, dass Christinnen und Christen einen Großteil ihres Lebens mit Arbeit verbringen. Es ist nur folgerichtig, sie direkt an ihrem Arbeitsplatz seelsorgerisch zu unterstützen. Man dürfe nicht darauf warten, dass sie sonntags in die Kirche kommen. Besonders notwendig sei pastorale Arbeit im Betrieb bei Todesfällen und Suiziden.

Die Wirtschaftskrise bringt viele Menschen in existenzielle Nöte. Das spiegelt sich auch in Gebetsbüchern wider. Foto: PAT CHRIST

Wie vor 30 Jahren

Anfang der 1990er Jahre hatten schon einmal Tausende Beschäftigte in der Oberpfalz ihre Papiere bekommen, bis zu 25.000 wurden damals entlassen, erinnert sich Richard Wittmann, Leiter der Fachstelle Betriebsseelsorge im Bistum Regensburg. Betroffen waren die Porzellan-, Bleikristall- und Textilindustrie. Die aktuelle Krise betreffe die Branchen querbeet. Und sie ist deshalb so schwierig, bestätigt er Peter Hartlaub, weil sich strukturell so viel verändert hat.

Früher hätte man ein rabiater Geschäftsführer sein müssen, um Personalabbaupläne knallhart durchzuziehen. Man war mit seinem Unternehmen verbunden. Heute sitzen Firmenchefs in Berlin oder im Ausland, nur selten sind sie vor Ort. „Da fällt es leichter, zu kündigen“, sagt Richard Wittmann. Als Betriebsseelsorger sieht er es derzeit als eine seiner Hauptaufgaben an, Betriebsräte zu stärken. Wenn Betriebsräte Unterstützung benötigen, dann gewinnen auch Einzelgespräche an Bedeutung, da viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch die Dauerkrisen psychisch belastet sind.

Die schrittweise Demontage des Sozialstaats verstärkt die Ängste. Umso wichtiger sind kirchliche Angebote. Unlängst erstellte Betriebsseelsorger Richard Wittmann mit evangelischen Kolleginnen und Kollegen vom „Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“ (KDA) einen Flyer für Beschäftigte. Darin sind alle regionalen Unterstützungsangebote von Diakonie, Caritas, Betriebsseelsorge und KDA aufgelistet. Beim Dekanatstag im Juli drehte sich alles um das Thema „Kirche und Arbeitswelt”. Betriebsräte und Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter waren ausdrücklich eingeladen. Man habe gemeinsam erörtert, wo Probleme seien und wo Seelsorge vor Ort mitwirken könne, so Wittmann.


Verfasst von:

Pat Christ

Freie Autorin