Ausgabe: September-Oktober 2026
Schwerpunkt - Vor OrtKlinikseelsorge zwischen Empathie und Ethik
Klinikalltag zwischen High-Tech und Effizienzdruck: Wo bleibt da der Mensch? Ein Gespräch über die heilende Kraft des absichtslosen Zuhörens, die ethischen Grenzen beim Thema assistierter Suizid und die Suche nach einer spirituellen Resilienz, die uns auch in schweren Krisen trägt.
Interview mit Pater Christoph Kreitmeir OFM, Claudia Wilk und Sr. Mariéle Mierswa ISSM der Klinikseelsorge Ingolstadt
Gemeinde creativ: Im Klinikalltag zwischen High-Tech-Medizin und Effizienzdruck ist die Seelsorge ein „Ruhepol“. Welche Aufgaben hat die Klinikseelsorge?
„Wir versuchen, für die Patientinnen und Patienten wirklich Zeit zu haben.
Zu Beginn des Kontaktes ermöglichen wir eine Freiheitsperspektive, in der die Patientin beziehungsweise der Patient mit einem Ja oder einem Nein entscheiden kann, ob sie beziehungsweise er das Kontaktangebot annehmen oder ablehnen möchte. Dies ist ein deutlicher Unterschied zum Umgang mit Pflegepersonal oder Ärzten. Sobald diese auftauchen, hat der Patient zu „funktionieren“.
Echtes Interesse an der Geschichte, der Gegenwart mit ihren aktuellen Sorgen und der Zukunft der Patientinnen und Patienten ist der Maßstab des Handelns.
Dabei zeigt sich nicht selten die Kränkung hinter der Erkrankung, das Aus-dem-Lot-Geraten, das Durcheinandergeratensein. So kann ein Raum des Vertrauens entstehen, in dem alles sein darf: Hoffnung und Zweifel, Licht und Schatten, Trauer und Zuversicht. Dasein, Zuhören, Zuneigung, Zugewandtheit … Oft kommt auch Gott ins Spiel, „wird gegenwärtig“, ohne dass er direkt genannt werden muss.
Seelsorgerinnen und Seelsorger begleiten auch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge. Welche Voraussetzungen braucht es, um Menschen in ihren verletzlichsten Momenten beizustehen, ohne selbst an dieser Last zu zerbrechen?
Empathie und Einfühlungsvermögen. Man muss Menschen mögen. Der oder die Kranke ist ein Mensch, der sich nach Linderung, Heilung und Verständnis sehnt. Wenn ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Werte anbieten, ohne sie aufzudrängen, entsteht eine wertschätzende Atmosphäre.
Wenn eine fachliche Schulung durchlaufen wird, dann steigt die Handlungssicherheit. Der regelmäßige Austausch der Ehrenamtlichen untereinander sowie Mentorengespräche und, falls verfügbar, Supervision sind essenziell.
Wenn innere Stabilität erforderlich ist, dann wird diese aus gepflegten Kraftquellen gespeist. Eine positive Nähe zum christlichen Glauben ist ebenfalls wichtig. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind im Auftrag der Kirchen unterwegs. Das bedeutet auch, dass man eine gesunde Resilienz gegenüber eigener und fremder Kirchenkritik mitbringen muss. Wenn Beten als spirituelle Praxis vorgesehen ist, dann sollte es gepflegt, geübt und für die Patientinnen und Patienten passend angewendet werden.
Kritik- und Lernfähigkeit. Sensibilität für das Nichtgesagte hinter dem Gesagten oder dem Schweigen.
Erleben Sie im klinischen Kontext, dass pflegende Angehörige oder Kranke aus ihrem sozialen Gefüge herausfallen, und wie fangen Sie das auf?
Das Verschwinden von engagierten Menschen aufgrund persönlicher Krankheitsbewältigung oder der Pflege eines Angehörigen aus Pfarreien oder Vereinen ist schmerzlich und ein wirklich wahrzunehmendes Problem. Diese mehrfach belasteten Menschen müssen ihre Grenzen kennen und Selbstfürsorge lernen. Die Sorge, wie es weitergehen kann, wenn man selbst nicht mehr kann, darf in einem vertrauensvollen Gespräch geäußert werden. Wenn eine doppelt oder dreifach belastete ältere Frau zu Hause einen an Demenz erkrankten Ehemann sowie möglicherweise eine Tochter mit Behinderung betreut, kann die Zeit im Krankenhaus trotz aller Sorgen eine „positive Auszeit“ bieten, in der sie neue Kraft schöpft. Die Botschaft der Krankheit will gehört werden.
Hilfen werden konsequent genutzt. Über den Sozialdienst im Klinikum beispielsweise, der sich um Pflegegrade, häusliche Hilfe oder Hilfe in verschiedenen Einrichtungen kümmert, Rehabilitation (Reha) beantragt und vieles mehr (Casemanagement). Bei uns treten ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem Interesse an der Arbeit mit Kranken sehr oft nach eigenen Erfahrungen mit Verlust, Pflege und ähnlichen Situationen in Erscheinung. Ihre Sensibilität ist gewachsen, und sie möchten ihre Erfahrungen weitergeben oder „dankbar zurückgeben“.
Wie gehen Seelsorgerinnen und Seelsorger mit Suizidwünschen von Patientinnen und Patienten um und wo liegen die Grenzen der Begleitung?
Wenn ein Patient einen Suizidwunsch äußert, dann wird in einem vertrauensvollen Gespräch ohne Vorurteile das Motiv erfragt. Dazu gehören Schmerzen, Einsamkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit, die Sorge, anderen zur Last zu fallen, Schuldgefühle, Unaufgearbeitetes, Luftnot und immer wieder die Schmerzen. Gegen diese Symptome steht die Palliativmedizin zur Verfügung, im Klinikum, ambulant (Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung – SAPV) oder im Hospiz. Parallel dazu können seelische und spirituelle Schmerzen bearbeitet werden. Dabei geht es um Verzeihen, Versöhnung mit sich selbst und anderen, mit dem eigenen Lebens- und Leidensweg. Wenn Leid auftritt, dann kann es zur Tat werden, indem man es anderen schenkt, für sie leidet, betet oder opfert. Dabei kann man sich an positiven Vorbildern orientieren, lebende oder heilige im Himmel. Für uns gibt es eine klare Grenze: Wir schließen Assistenz beim Suizid aus, aber wir begleiten im Ringen und assistieren im Sterben. Dahinter steht unsere Überzeugung und unser Glaube, dass ich nicht die Selbstverfügungsgewalt über mein Leben habe, auch wenn die Gesetzeslage etwas anderes behauptet. Gott ist der Geber des Lebens, er kennt den richtigen Zeitpunkt für meinen Tod. Wir zeigen auf, dass es nach dem Tod Leben, Wiedergeburt oder nichts gibt. Wir sind offen für diese Themen im Gespräch.
Woher nehmen Betreuende und Ehrenamtliche persönlich die Kraft, täglich mit Leid, Krankheit und Tod konfrontiert zu sein? Gibt es eine „spirituelle Resilienz“, die man lernen kann?
Ja, es gibt eine „spirituelle Resilienz“. Voraussetzung ist beispielsweise ein ehrliches Umgehen mit dem Leben, wie es ist. Wenn man Ja dazu sagt, dass es auch wehtun kann, dass das Leben hart sein kann, dann entsteht eine klare Haltung. Nicht ausweichen. Die Suche nach dem Sinn dahinter und der Trotzdemkraft ist hilfreich.
Hilfreich sind: Ein Pool an Unterstützerinnen und Unterstützern, also gute Menschen, die es gut mit einer Person meinen; ein religiöser Glaube; ein gesundes Selbstbewusstsein (Glaube an sich selbst); eine intakte Partnerschaft oder Familie, Freundinnen und Freunde; die Fähigkeit, das eigene Leben zu gestalten und nicht in einer Opferrolle aufzugehen; Aufgaben zu übernehmen, die Sinn und Halt geben; die Fähigkeit, Fünfe auch mal gerade sein zu lassen (kein Perfektionismus); Humor; sowie Kontakte zur Übernatur, also zu Jesus, Maria, dem Schutzengel, bestimmten Heiligen oder vorausgegangenen Menschen in der „Anderwelt“. Diese Beziehungen werden gepflegt. Wenn eine höhere Instanz wie Gott als bejahend, liebend und stützend interpretiert wird, dann entsteht zusätzlicher Sinn.
Spirituelle Resilienz lässt sich lernen und einüben. Wie ein Muskel kann sie trainiert werden. Ohne Training erschlafft die Resilienz, die Widerstandskraft.
Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führen genau an diese Quellen der Kraft und Spiritualität heran und identifizieren vorhandene Potenziale, die weiterentwickelt werden sollen. Supervision, Kollegengruppen und Mentorat unterstützen diesen Prozess.
Das Interview führte Hannes Bräutigam.