Ausgabe: September-Oktober 2026
InformationenSelbstbestimmung bis zuletzt
Von Michael Feil, Referent für Glaubensfragen und Bioethik im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz
Die Möglichkeiten und Fähigkeiten, die die moderne Medizin, gerade auch die Intensiv-Medizin, mit sich bringt, sind vielfältig und oft erstaunlich. Aber auch die Grenzen dieser Handlungsmöglichkeiten gehören unausweichlich zum menschlichen Leben. Deshalb rückt die Frage, wie die letzte Lebensphase eines Menschen gestaltet werden soll, in den Fokus der Überlegungen und erfordert Entscheidungen, die zu früheren Zeiten gar nicht in Betracht kamen. Wie soll die Behandlung in medizinischer, pflegerischer und begleitender Hinsicht gestaltet werden? Unter welchen Umständen ist möglicherweise das Behandlungsziel von einer kurativen hin zu einer palliativen Ausrichtung zu verändern? Wann ist auch über eine Behandlungsbegrenzung beziehungsweise die Umsetzung eines Wunsches nach Behandlungsverzicht in den Blick zu nehmen? Welche Personen sind einzubeziehen – gerade dann wenn die betroffene Person nicht mehr in der Lage ist, ihren Willen selbst kund zu tun und zu vertreten?
Der Mensch im Mittelpunkt des Vorsorgeprozesses
Dabei haben gerade mit Blick auf diese letzte Lebensphase viele Menschen Sorge vor einem Zustand, in dem sie ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit einem System ausgeliefert sind, bei dem das Zusammenwirken von medizinischen, technischen, pharmazeutischen, pflegerischen Maßnahmen für sie selbst nicht mehr durchschaubar ist und keinen Raum für die persönlichen Belange lässt. Nicht zuletzt spielen dabei auch ökonomische Aspekte eine Rolle.
Seit vielen Jahren bieten die Kirchen die Christliche Patientenvorsorge an, um hier die Möglichkeit zu stärken, eigene Vorstellungen für diese Lebensphase zu reflektieren, mit Fachleuten und Nahestehenden zu besprechen und wirksam schriftlich festzuhalten. Viele Menschen machen dabei die Erfahrung, dass sie sich die Befassung mit einer Patientenvorsorge auch immer wieder vornehmen, das Thema aber dann auch immer wieder wegschieben, nicht nur, weil es unangenehm ist, sondern auch, weil sie sich mit diesen Fragen überfordert fühlen.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass es für viele Menschen deshalb hilfreich ist, wenn sie bei einem solchen Reflexions- und Entscheidungsprozess kompetent begleitet werden, gerade auch, weil es dabei nicht um rein medizinische Entscheidungen geht. Daher ist es so wichtig, den ganzen Menschen, die individuelle Person und ihre Vorstellungen, Hoffnungen, Ängste und Sorgen zu sehen und die sich daraus ergebenden Gedanken, Wünsche und Entscheidungen anzunehmen und ernst zu nehmen. Auf einen solchen Begleitungsprozess ist eine Konzeption angelegt, die sich mit dem englischen Begriff Advance Care Planning (ACP) verbindet. Bei ACP geht es darum, Menschen angesichts hohen Alters oder schwerwiegender Erkrankungen in einem strukturierten Gesprächsprozess durch fachlich geschulte Personen zusammen mit ihren Angehörigen zu begleiten. Im Verlauf dieses Prozesses sollen sie sich darüber klar werden können, wie ihre medizinische, pflegerische, psychosoziale, aber auch seelsorgerliche und spirituelle Betreuung und Behandlung in Situationen gestaltet werden soll, in denen sie selbst nicht mehr in der Lage sind, einzuwilligen oder zu widersprechen. ACP ist damit eine Form der Patientenvorsorge, die in Beziehung und im Prozess ausgestaltet wird. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass es in Kliniken und Einrichtungen der Gesundheits- und Altenpflege entsprechend geschultes Personal gibt, das solche Gesprächsprozesse mit der nötigen Sensibilität, Einfühlsamkeit und mit einem entsprechend geschulten ethischen Grundverständnis begleiten kann.
Qualität und Ethik in der praktischen Umsetzung
Dabei ist fachlich professionelles Handeln von ebenso großer Bedeutung wie eine gute Kommunikation von Mensch zu Mensch und nicht zuletzt auch eine ethische Grundorientierung, die sich der Würde der menschlichen Person und dem Schutz des Lebens verpflichtet weiß. Wie bei vielen guten Ideen kommt es eben auch beim Advance Care Planning darauf an, wie gut es in der Praxis und im konkreten Alltag einer Klinik, einer Pflegeeinrichtung oder einer ambulanten Versorgung umgesetzt wird. Die Praxis von Advance Care Planning würde die ursprüngliche Idee völlig verfehlen, wenn es dabei nur darum ginge, möglichst schnell zu einem ausgefüllten und unterschriebenen Formular zu kommen, das belastbar über die medizinische Behandlungszustimmung Auskunft gibt. Nicht nur in kirchlich getragenen Einrichtungen, aber gerade da ist es unverzichtbar, dass in einem solchen Prozess der ganze Mensch mit seinen Bedürfnissen, Nöten, Sorgen, aber auch Wünschen und Hoffnungen und nicht zuletzt mit seinem Glauben in den Blick genommen wird.
Um hier – nicht nur, aber gerade auch – für Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft ein geeignetes Orientierungsangebot für die Implementierung von ACP-Konzepten, für die Ausbildung entsprechend qualifizierter Personen und für die Alltagspraxis zu machen, hat die Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz mit Unterstützung von Experten aus Medizin, Pflege und Ethik einen Text erarbeitet, der dazu dienen soll, sich mit den hier angesprochenen Fragen zu befassen und in kompetenter Verantwortung eine gute Praxis des Advance-Care-Planning zu entwickeln.
Der Text Ethische Orientierungshilfe zur Ausgestaltung von Advance Care Planning in kirchlichen Einrichtungen und Diensten kann beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz bestellt oder auf der Internetseite www.dbk.de heruntergeladen werden.
Zusammenhalt entsteht im Alltag
Von Karl Straub, MdL, Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung
Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Integration entscheiden sich nicht in politischen Debatten, sondern im konkreten Miteinander des Alltags. Am Beispiel der häuslichen wie professionellen Pflege wird deutlich, wie das gemeinsame Tragen von Verantwortung über Generationen und Kulturen hinweg Brücken baut und welche tragende Rolle Pfarrgemeinden dabei spielen.
Wenn Menschen plötzlich pflegebedürftig werden, verändert sich oft das ganze Leben einer Familie. Vieles, was zuvor selbstverständlich war, tritt in den Hintergrund: soziale Kontakte, Freizeit, manchmal auch das Engagement in Vereinen oder Pfarrgemeinden. Pflege geschieht häufig still – zuhause, im engsten Kreis der Angehörigen und oft unter großer persönlicher Belastung.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass Menschen in solchen Situationen nicht aus dem Blick geraten. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass wir füreinander Verantwortung übernehmen und einander tragen. Das gilt in besonderer Weise auch für unsere Pfarrgemeinden und das vielfältige ehrenamtliche Engagement in Bayern.
Brücken bauen durch gemeinsame Verantwortung
In meinen Gesprächen und Begegnungen im ganzen Freistaat erlebe ich immer wieder, wie viel Zusammenhalt im Alltag tatsächlich gelebt wird. Menschen kümmern sich umeinander – unabhängig von Herkunft, Religion oder Lebensgeschichte. Gerade dort, wo konkrete Hilfe gebraucht wird, entstehen oft Begegnungen, die Vorurteile abbauen und Vertrauen wachsen lassen.
Das zeigt sich auch im Pflegebereich. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte arbeiten heute selbstverständlich in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder sozialen Diensten. Sie begleiten Menschen in schwierigen Lebenssituationen, übernehmen Verantwortung und leisten einen wichtigen Beitrag für unser gesellschaftliches Miteinander. Gleichzeitig übernehmen in vielen Familien Angehörige selbst Verantwortung für die Pflege ihrer Eltern oder Großeltern. Dieses Engagement verdient große Anerkennung.
Pflege macht deutlich, wie sehr Menschen aufeinander angewiesen sind. Gerade in Zeiten von Krankheit, Alter oder Einsamkeit zeigt sich, wie wichtig Mitmenschlichkeit, Geduld und Zuwendung sind. Oft sind es kleine Gesten, die einen großen Unterschied machen: ein Gespräch, ein Besuch, ein offenes Ohr oder praktische Hilfe im Alltag. Viele Ehrenamtliche leisten hier Tag für Tag Beeindruckendes – häufig leise und ohne große öffentliche Aufmerksamkeit.
Integration zeigt sich dabei oft nicht zuerst in politischen Debatten, sondern ganz konkret im Alltag: dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung tragen, sich gegenseitig unterstützen und sich in unsere Gesellschaft einbringen. Pflege kann Brücken bauen – zwischen Generationen, Kulturen und unterschiedlichen Lebenswelten. Wo Menschen einander begegnen, entstehen Verständnis und Vertrauen.
Die tragende Rolle der Pfarrgemeinden vor Ort
Kirchen und Pfarrgemeinden leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Sie schaffen Räume der Begegnung, der Gemeinschaft und des Zusammenhalts. Gerade Menschen, die durch Pflege oder persönliche Belastungen aus dem gewohnten Alltag herausgerissen werden, brauchen Orte, an denen sie wahrgenommen werden und Unterstützung erfahren. Das kann durch Besuchsdienste, Gesprächsangebote, Nachbarschaftshilfe oder einfach durch ehrliche Anteilnahme geschehen.
Besonders beeindruckend finde ich, wie selbstverständlich sich vielerorts Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten gemeinsam engagieren. Integration gelingt dort besonders gut, wo Menschen Verantwortung übernehmen, ihren Platz in unserer Gesellschaft finden und Bayern aktiv mitgestalten. Ehrenamt verbindet Menschen oft unmittelbarer als jede gesellschaftliche Debatte.
Unsere Gesellschaft wird vielfältiger – und damit wachsen auch die Anforderungen an gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme. Dazu gehört beispielsweise, sensibel mit unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Prägungen umzugehen, ohne dabei unsere gemeinsamen Werte aus dem Blick zu verlieren. Gerade im Pflegebereich spielen Fragen von Sprache, Vertrauen, Nähe und Würde eine wichtige Rolle.
Entscheidend ist letztlich nicht, woher jemand kommt, sondern ob Menschen bereit sind, Verantwortung für das Zusammenleben zu übernehmen. Genau dort entsteht gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Ich bin überzeugt: Bayern lebt von diesem Miteinander. Von Ehrenamtlichen, die Zeit schenken. Von Angehörigen, die Pflege leisten. Von Hauptamtlichen, die täglich Verantwortung tragen. Und von Menschen, die sich mit ihren Fähigkeiten in unsere Gesellschaft einbringen und Verantwortung übernehmen.
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten oft von Zuspitzung und Polarisierung geprägt sind, sollten wir den Blick stärker auf das richten, was uns verbindet. Denn Zusammenhalt entsteht nicht abstrakt – er entsteht im konkreten menschlichen Miteinander.
Bayerische Musik im Wandel der Zeit
Die Entwicklung der Musiklandschaft im bayerischen Raum reicht von antiken Wurzeln bis in die Gegenwart. Das im Verlag Friedrich Pustet erschienene Sachbuch Kleine Musikgeschichte Bayerns von Markus Eberhardt zeichnet diese Epochen nach. Der Band bietet einen chronologischen Überblick, der bei den archäologischen Quellen aus der Römerzeit ansetzt, die mittelalterliche Kirchenmusik sowie den Minnesang beleuchtet und über namhafte Komponisten wie Orlando di Lasso, Richard Strauss oder Carl Orff bis zu zeitgenössischen Strömungen führt.
Der Autor verdeutlicht in seiner Darstellung, dass Musik historisch stets eng mit den gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Strukturen verflochten war. Die Publikation untersucht dabei sowohl die höfische Repräsentationsmusik des Barock als auch die ländliche Volksmusik und neuere musikkabarettistische Formen. Damit dokumentiert das Werk die stilistische Vielfalt der regionalen Musikgeschichte und zeigt auf, wie tief musikalische Traditionen in der bayerischen Identität verankert sind. (br)
Markus Eberhardt: Kleine Musikgeschichte Bayerns. Von der Römerzeit bis zur Gegenwart, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2026, 180 Seiten, kartoniert, 16,95 EUR.
Reflexionen über den Dialog mit Gott
Die Praxis des Betens berührt tiefgehende persönliche Fragen und Sehnsüchte, bleibt in ihrer individuellen Ausgestaltung jedoch oft seit der Kindheit unüberprüft. Das im St. Benno Verlag erscheinende Sachbuch Beten von Lukas Niederberger bietet eine Einladung, diese spirituelle Praxis grundlegend zu reflektieren. Das Werk richtet sich gleichermaßen an Glaubende wie an Suchende und Zweifelnde, die die Existenz oder die personalen Eigenschaften eines göttlichen Gegenübers nicht als selbstverständlich voraussetzen.
Der Autor wirft fundamentale Fragen nach dem Wesen und dem Zweck des Gebets auf. Dabei untersucht er, inwieweit das Gebet der eigenen Psychohygiene dient oder ob es sich um einen zweckfreien Dialog handelt. Die Publikation regt dazu an, die eigene Selbstverantwortung im Gebet zu wahren und ermutigt zu einer bewussten Auseinandersetzung mit einem geheimnisvollen Gegenüber. Damit bietet der Band eine Orientierungshilfe für Menschen, die nach einer zeitgemäßen und reifen Form der religiösen Kommunikation suchen. (br)
Lukas Niederberger: Beten. Ein Begleiter für Glaubende und Suchende, St. Benno Verlag, Leipzig 2026, ca. 160 Seiten, 20,00 EUR, gebunden (Hardcover mit Leseband).
Zukunftsberuf Religionspädagogik: Studieren in Benediktbeuern
Als bayernweit einzige Bildungsinstitution, bietet die KSH München am Campus Benediktbeuern die Bachelorstudiengänge "Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit" (B.A.) sowie "Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit dual" (B.A.) mit bundesweiter Relevanz an. Die Studiengänge richten sich an engagierte junge Erwachsene und Eltern, die sich als Gemeindereferenten oder Religionspädagogen spezialisieren möchten. Beide Wege dauern 7 Semester, sind zulassungsfrei und frei von Studiengebühren. Die klassische Präsenzform bietet ein integriertes Praxissemester, Erasmus-Partnerschaften und studentisches Wohnen im Voralpenland. Die stark nachgefragte duale Form verbindet ein familienfreundliches Online-Studium (2 Tage/Woche) mit der Praxis vor Ort in einer Partnerdiözese (3 Tage/Woche). Dual Studierende erhalten ab dem ersten Tag einen Arbeitsvertrag, eine Vergütung über dem Bafög-Satz und Unterkünfte im historischen Kloster während der vier Blockwochen/Jahr auf dem Campus. Ein Wohnortswechsel ist nicht erforderlich. Bewerbungen sind jährlich vom 01.05. bis 15.07. online möglich. Ein Informationsabend in Präsenz findet am 18. November 2026 um 16:30 Uhr am Campus Benediktbeuern statt. Digitale Infotage folgen 2027 jeweils um 14:00 Uhr am Donnerstag, 08. April, und Mittwoch, 09. Juni. (mhm)
Neuer Leitfaden für Menschen im Pfarrgemeinderat
Ein guter Leitfaden beantwortet nicht nur Fragen – er macht Lust, Kirche vor Ort aktiv zu gestalten. Genau das leistet die vollständig überarbeitete Arbeitshilfe für Pfarrgemeinderätinnen und Pfarrgemeinderäte des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising. Mit einem modernen, klar strukturierten Design, einer benutzerfreundlichen Gliederung und zahlreichen Praxishilfen ermöglicht sie eine schnelle Orientierung und lädt dazu ein, immer wieder gezielt nachzuschlagen oder sich inspirieren zu lassen.
Neben bewährtem Grundlagenwissen greift der neue Leitfaden zentrale Themen auf, die für die Arbeit in den Pfarrgemeinden heute unverzichtbar sind: Er sensibilisiert für den Umgang mit Grenzüberschreitungen und sexualisierter Gewalt, gibt Orientierung für verantwortungsvolles Handeln und zeigt zugleich, wie Synodalität vor Ort konkret gelebt werden kann. Er ermutigt, Neues auszuprobieren, kreativ zu sein und darauf zu achten, dass das Ehrenamt immer auch Freude bereiten soll.
Ob für den Einstieg in die Ratsarbeit oder als Nachschlagewerk im Alltag: Der Leitfaden verbindet theologische Grundlagen mit konkreten Handlungsempfehlungen, Checklisten und Praxisimpulsen. Wer das Leben seiner Pfarrgemeinde gestalten will, findet hier einen verlässlichen Begleiter – aktuell, praxisnah und motivierend. (rm)
Verfasst von:
Michael Feil
Referent für Glaubensfragen und Bioethik im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz