Foto: BERIT KESSLER / ADOBE STOCK

Liebe Leserin, lieber Leser,

es passiert meistens genau dann, wenn der Terminkalender ohnehin kurz vor dem Kollaps steht. Der Anruf aus dem Krankenhaus, ein schwerer Sturz oder die schleichende Gewissheit, dass die Vergesslichkeit des Partners eben kein schrulliger Alters-Spleen mehr ist. Von jetzt auf gleich stellt sich das Leben einer ganzen Familie radikal um. Und in unseren Pfarrgemeinden geschieht oft etwas ganz Leises: Menschen verschwinden einfach.

Die treue Lektorin oder der Senior, der jahrzehntelang seinen festen, unsichtbar reservierten Platz in der dritten Bank links hatte – sie fehlen plötzlich. Nicht aus Desinteresse, sondern weil die häusliche Pflege einen unsichtbaren Zaun um den Alltag zieht. Es fehlt schlicht die Kraft und manchmal auch der Mut, mit den neuen, ungeschminkten Sorgen in die vermeintlich heile Welt der Sonntagsgemeinde zu passen.

Genau hier schlägt das Herz unseres Auftrags, der Diakonia. Eine lebendige Pfarrei zeichnet sich schließlich nicht dadurch aus, wie geräuschlos die Gremien tagen oder wie perfekt der Pfarrfest-Braten gelingt, sondern ob sie den Blick für die Menschen behält, die es aus eigener Kraft nicht mehr über die Kirchenschwelle schaffen. Wenn eine demenzkranke Seniorin im Gottesdienst laut in die Predigt hineinruft, entscheidet die spontane Reaktion der Banknachbarn darüber, ob sie wiederkommt. Eine demenzfreundliche Gemeinde schafft einen Raum, in dem man auch mit Macken und Einschränkungen ganz normal dazugehört.

Auch wenn ein Kind schwer erkrankt, brennt das gesamte Familiensystem lichterloh – von den Eltern im Dauerschichtbetrieb bis zu den Geschwistern. In solchen Krisen braucht es Räume für die großen Fragen, echte seelsorgliche Begleitung und das Aushalten von Momenten, in denen eben nichts gut ist.

Niemand erwartet von uns, dass wir die professionelle Sozialstation ersetzen. Unsere Stärke liegt in der unkomplizierten Nachbarschaftshilfe. Der entscheidende Schritt beginnt bei unserer Haltung. Warten wir nicht darauf, dass sich Betroffene melden – dafür hat im Pflege-Tunnel niemand die Energie. Und die nette Floskel „Melde dich, wenn du was brauchst“ können wir uns sparen; sie verlagert die Last nur wieder zurück. Was wirklich hilft, ist das konkrete Angebot: „Ich komme am Montagnachmittag für zwei Stunden vorbei und schaue mit deinem Mann alte Fotos an. Geh du in Ruhe zum Frisör oder leg dich eine Stunde schlafen.“

Lassen Sie uns in dieser Ausgabe von Gemeinde creativ genau hinschauen, wo wache Augen und pragmatische Hände gebraucht werden. Denn eine sorgende Gemeinschaft wächst nicht auf dem Papier, sondern im ganz normalen, manchmal chaotischen Miteinander unseres Alltags.

Viel Freude beim Lesen und gute Anregungen für Ihre kirchliche Arbeit wünscht Ihnen

 

 

Hannes Bräutigam, Redaktionsleiter


Verfasst von:

Hannes Bräutigam

Redaktionsleiter