Ausgabe: Juli-August 2026
SchwerpunktZwischen grauem Alltag und spirituellen Aufbrüchen
Glaube in der Spätmoderne
Die Kirche erlebt eine radikale Diversität: Während die Gottesdienste homogener werden, driften die Glaubensvorstellungen auseinander. Kann der synodale Weg ein Vorbild für demokratische Lebensformen sein?
Wenn man sich an einem Sonntagmorgen in einer mittleren Großstadt Deutschlands in einen durchschnittlichen katholischen Sonntagsgottesdienst verirrt, wird man höchstwahrscheinlich mit einer großen Einheitlichkeit der Gottesdienstbesucher konfrontiert – abgesehen vielleicht von einer kleinen Gruppe von Kindern und einer noch kleineren Zahl von Jugendlichen. Insgesamt ist die Schar der Gläubigen aber eine ziemlich grauhaarige Gruppe, die in sich sehr homogen wirkt. Die im Jahr 2023 durchgeführte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, an der sich erstmals auch katholische Christinnen und Christen beteiligten, hat diesen Eindruck bestätigt. Kirchenbesuche werden marginal, Säkularisierungsprozesse werden stärker und stehen dabei neben und in wechselseitiger Abhängigkeit mit spirituellen Aufbrüchen, auch wenn insgesamt eine Blässe von Religion zu verzeichnen ist.
Gott fehlt – und es fehlt nichts
Daneben gibt es eine wachsende Zahl religiös Indifferenter, für die Religion nicht einmal so wichtig ist, dass man darüber streiten könnte. Sie ist schlicht irrelevant. Wenn Gott fehlt, fehlt nichts mehr. Diese Menschen werden wohl kaum im Gottesdienst anzutreffen sein, obwohl der theologische Diskurs um Religionslose und Konfessionsfreie zeigt, dass auch sie durchaus beten und religiöse Praktiken ausführen. Die Kirchenmitgliedschaft weist jedoch eine sehr große Diversität von Glaubens- und Nichtglaubensvorstellungen bei den Gottesdienstbesuchern auf. Nicht nur personale Vorstellungen des Unbedingten, sondern auch religiöse Rückbindungen an eine große Transzendenz werden schwächer – selbst bei Kirchenmitgliedern beider Konfessionen und sogar bei Gottesdienstbesuchern. Viele von ihnen glauben nicht an die Inkarnation Gottes im Juden Jesus von Nazareth, das zentrale Glaubensgeheimnis des Christentums. Die Hoffnung auf eine leibliche Auferstehung ist bei vielen der Sehnsucht nach einem Weiterleben in einer kosmischen Existenz gewichen.
Doch quer zu einer solchen Verschärfung der Säkularisierungsprozesse findet sich eine kleine, jedoch zunehmend dynamischer werdende Gruppe an Heranwachsenden, die hochreligiös sind. Jugendliche praktizieren fremd gewordene Riten wie religiös motiviertes Fasten bis hin zum Aschekreuz, lassen sich taufen, beten den Rosenkranz oder beichten. Das ist ein überraschenderweise auch im laizistischen Frankreich zu beobachtendes Phänomen. Auch Erwachsenentaufen nehmen wieder zu.
Bezugspunkte hierfür sind nicht nur religiöse Influencer oder Gebetsgruppen im Internet. Ein Kristallisationspunkt für diesen spirituellen und religiösen Aufbruch im deutschsprachigen Raum ist das Gebetshaus in Augsburg, das Tausende Jugendlicher anzieht, die für die wenige Tage dauernden Gebetstreffen mehrere Hundert Euro zu zahlen bereit sind. Freilich ist die in diesem spirituellen Aufbruch wie auch die in Augsburg kultivierte Frömmigkeit eine stark auf Event, auf Entpolitisierung, nicht auf kritische Reflexion und diskursives deliberatives Urteil abhebende Spiritualität, die sich privatistisch nach innen wendet und bei sich bleibt.
Spannungen in der Pfarrei aushalten
Seit jeher war das Katholische in seinen Lebensformen und Glaubenspraktiken sehr weit. Und auch wenn sich die hier exemplarisch abzeichnende Diversität in konkreten Gemeinden vor Ort durchaus unterschiedlich darstellen mag: Offensichtlich hat sich diese Diversität im Katholischen gegenwärtig in einem Maße radikalisiert, dass es immer schwerer wird, die sich ergebenden Ungleichzeitigkeiten, Spannungen und Konflikte auszuhalten und zu bearbeiten, ohne das Ganze zu gefährden. Dazu kommt, dass diese Diversität noch durch soziale Ungleichheiten wie kulturelle Differenzierungen abermals verschärft wird. Anders als es die Homogenität unserer Gottesdienstbesucher zu zeigen scheint, sind Pfarrgemeinden heterogene, spannungsvolle Gebilde.
Synodalität, demokratisch gewendet
Jetzt könnte man sagen: die Kirchengemeinden sind in ihrer Diversität und Heterogenität Spiegel der spätmodernen, hoch dynamischen Gesellschaften. Spannungen, Kommunikationsabbrüche, Verfeindungspraktiken wie populistische Ausgrenzungen finden sich nicht nur in der Gesellschaft. Demokratien ringen ja gerade darum, offen zu bleiben und Verschiedenheit zu würdigen, Ungleichheit zu überwinden und dafür zu motivieren, sich für das gemeinsame Gute und darin eben für die Demokratie einzusetzen. Demokratie lebt von diesem Engagement in dem, was man demokratische Lebensformen nennt. Hier finden sich diverse Öffentlichkeiten, in denen um gemeinsame Entscheidungen gerungen wird, in die sich Menschen einbringen können, auch wenn sozio-ökonomische Ungleichheiten Menschen so benachteiligen, dass sie hieran nur bedingt teilhaben können, weil sie zunächst für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen, oder Menschen mit Vorurteilen diskriminiert und auf diese Weise ausgeschlossen werden. Ungeachtet solcher Hindernisse besteht Demokratie etwa nach Immanuel Kant oder Jürgen Habermas darin, dass diejenigen, die den Gesetzen unterworfen sind, selber die Gesetze bestimmen.
Glaubwürdigkeit und gemeinsamer Weg
Nun wird man angesichts der hierarchischen Struktur der Kirche und ihrer Geschichte die Kirche nicht ungebrochen zu einem Ort der Demokratie erklären können. Zudem hat sie durch die Missbrauchsverbrechen und deren systemische, weil in der Dogmatik, in der Ekklesiologie und in den Praktiken der Sakralisierung der Priester tief verankerten, Ursachen erheblich an Glaubwürdigkeit verloren. Doch andererseits kann, so die hier vertretene These, die Kirche mit ihrer Weise, Spannungen auszuhalten, Konflikte zu lösen und zu Entscheidungen zu kommen, ein Weg sein, der seinerseits produktiv auf demokratische Lebensformen zurückwirken kann.
Diese Weise ist der Weg der Synodalität, auch wenn man durchaus skeptisch sein kann, ob durch ihn die eingespielten kirchlichen Machtstrukturen tatsächlich aufgeweicht werden können. Derzeit ringt die Kirche in Deutschland darum, wer und in welchem Maße an den Prozessen der Entscheidungsgewinnung und an der tatsächlichen Entscheidung beteiligt wird. Doch die Art und Weise, wie hier versucht wird, einen gemeinsamen Weg zu gehen, einander zuzuhören, einander auszuhalten, offen zu bleiben, das könnte Perspektiven eröffnen. Dabei lebt der synodale Prozess ja gerade davon, dass dem Gegenüber im Lichte der Gottesebenbildlichkeitstheologie unbedingte Würde zugestanden wird im Rahmen einer Hoffnung, dass Gottes Geist in diesen Prozessen der kritisch-dialogischen Synodalität befreiend und ermöglichend anwesend ist. Das ist der Grund der Hoffnung darauf, Spannungen und Konflikte nicht nur auszuhalten, sondern auch zu gemeinsamen Entscheidungen zu kommen.
Demokratien leben davon, dass Menschen sich für sie engagieren. Könnte man nicht die demokratische Basisannahme, dass jeder Mensch das Recht hat, Rechte zu haben, wie Hannah Arendt es einmal als vertriebener Mensch aus Nazideutschland auch jeder heutigen Migrationspolitik ins Stammbuch schrieb, als eine säkularisierte Formulierung der gottgegebenen Würde aller Menschen verstehen? Jeder Mensch ist demnach zu respektieren, auch wenn in der Verletzung dieses Grundsatzes die Grenzen dialogischer Offenheit gesetzt sind. Wäre nicht eine darauf fußende kritische Dialogkultur des Synodalen etwas, was die Kirchengemeinden in die Demokratie und ihre demokratischen Lebensformen gewinnbringend einzubringen hätten? Dies wäre sicher auch ein Beweis der weiterhin gegebenen Kraft des Christlichen.
Verfasst von:
Bernhard Grümme
Professor für Religionspädagogik und Katechetik an der Ruhr-Universität Bochum