Ausgabe: Juli-August 2026
SchwerpunktWie Gesellschaften heute gelingen
Wirtschaft und Werte
In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Vor nahezu 30 Jahren stellte der damalige Bundespräsident Roman Herzog diese Frage – und sie hat bis heute nicht an Brisanz verloren.
Seit jeher beschäftigen wir uns am Roman Herzog Institut mit dieser Thematik. Die von uns in Auftrag gegebene Studie „Wie Gesellschaften gelingen – Warum wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Zusammenhalt Gerechtigkeit befördern“ beleuchtet diese Problematik.
Denn die Frage, wie Gesellschaften gelingen können, beschäftigt Wissenschaft und politische Praxis seit Jahrhunderten. In einer zunehmend globalisierten und komplexen Welt stehen unsere modernen Gesellschaften vor großen Herausforderungen, die tiefgreifende Auswirkungen auf ihre Stabilität und ihr Wohl haben. Dabei gewinnen die Ziele gesellschaftlicher Zusammenhalt, wirtschaftlicher Erfolg und Gerechtigkeit eine besondere Bedeutung. Sie sind eng miteinander verflochten und entscheidend für die langfristige Entwicklung einer Gesellschaft.
Doch welche Faktoren bedingen eine gerechte Gesellschaft? Der empirische Vergleich von 171 Staaten, den wir im Rahmen der Studie durchgeführt haben, gibt darüber Aufschluss.
Kurz zur Methodik: Den gesellschaftlichen Zusammenhalt erfassen wir in der Studie mithilfe des Fragile States Index (FSI), der den Grad der fraktionierten Eliten, der Gruppenunzufriedenheit, der staatlichen Legitimität sowie die Einhaltung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit misst.
Weniger Wirtschaftsleistung
Eine der zentralen Aussagen ist, dass ein stark steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) kaum als Triebkraft für gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine gerechte Gesellschaft dienen kann. Das zeigt sich auch am Beispiel Chinas.
Während sich dessen Wirtschaftsleistung dynamisch entwickelt, stagniert der gesellschaftliche Zusammenhalt. Die derzeitige Immobilienkrise, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Verunsicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch die strikte Corona-Politik schüren die Sorge vor neuen Krisen und lösen eine massive Zurückhaltung beim Binnenkonsum aus. Langfristig kommen wir zu dem Schluss, dass der gering ausgeprägte gesellschaftliche Zusammenhalt selbst zur wirtschaftlichen Belastung wird. Mehr noch: Er verhindert die wirtschaftliche Weiterentwicklung.
Sollte sich die wirtschaftliche Performance Chinas wider Erwarten stabilisieren und das Pro-Kopf-Einkommen weiter ansteigen, erscheint mittelfristig ein Druck auf die chinesische Führung plausibel, der materiell abgesicherten Bevölkerung Mitspracherechte zu geben – vor allem im Kontext sozialer und politischer Spannungen. Auch in diesem Szenario müssen gesellschaftlicher Zusammenhalt und wirtschaftliche Entwicklung zusammengedacht werden.
Ohne stabile und inklusive Institutionen sowie ohne stetige Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts stößt die Wirtschaftsentwicklung irgendwann an eine gläserne Decke – wie in China.
Stabile Institutionen
Andererseits sind allein positive Schocks für einen nachhaltigen gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht ausreichend. Es braucht stabile Institutionen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährleisten. Das zeigen wir am Beispiel Südafrikas.
Das Ende der Apartheid war ein Wendepunkt für die Wirtschaftsleistung des Landes. Nachdem das Land jahrzehntelang einen wirtschaftlichen Rückgang erlebt hatte, setzte mit der damit einhergehenden Handelsliberalisierung, Demokratisierung und Aufhebung von Sanktionen ein Wirtschaftswachstum ein, das bis gegen Ende der 2000er Jahre anhielt. Ab 2009 verschlechterte sich jedoch der gesellschaftliche Zusammenhalt wieder. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch sozioökonomische Ungleichheiten, anhaltend hohe Arbeitslosigkeit sowie politische Instabilität. Dies löste zusätzlich eine Welle der Fremdenfeindlichkeit aus. Die Bemühungen der Regierung, den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder zu stärken, scheiterten bisher an systemischer Korruption und ineffizienter Leistungserbringung. Seitdem befindet sich die Wirtschaftsleistung in Südafrika wieder im Abwärtstrend.
Es zeigt sich, dass das Ende der Apartheid und der damit beginnende Aufbau inklusiverer Institutionen in Südafrika nicht nachhaltig waren und es nicht gelang, die Aufbruchsstimmung in stabile Institutionen und vertrauenswürdiges Regierungshandeln zu überführen.
Deutschlands Position im internationalen Vergleich
Deutschland erfuhr zwischen 2007 und 2023 im Durchschnitt ein leichtes Wirtschaftswachstum pro Kopf um etwa 26 Prozent, während der gesellschaftliche Zusammenhalt nach dem FSI um ungefähr 17 Prozent gestiegen ist. Trotz Weltwirtschafts- und Eurokrise, den großen Migrationsbewegungen und der Corona-Pandemie blieb das Wirtschaftswachstum entgegen den Annahmen hierzulande im Mittel – und trotz teilweise einschneidender Einbrüche der Wirtschaftsleistung – weitgehend stabil. Das gleiche gilt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Die Betrachtung der Bundesrepublik zeigt: Um eine hohe Wirtschaftsleistung zu erreichen, muss auch der gesellschaftliche Zusammenhalt ein bestimmtes Niveau erreichen.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt und wirtschaftliche Entwicklung gehören zusammen
Gerechte Gesellschaften sind folglich darauf angewiesen, dass in ihnen beides gelingt: Gesellschaftlicher Zusammenhalt und wirtschaftliche Entwicklung.
Es bedarf des sozialen Kitts, um Menschen das Vertrauen zu geben, in einer fairen Gesellschaft zu leben, in der jeder und jede die Möglichkeit bekommt, sich den eigenen Fähigkeiten entsprechend in diese Gesellschaft einbringen zu können.
Parallel müssen gesellschaftliche Strukturen so entwickelt sein, dass sie dem Anspruch der prozeduralen Gerechtigkeit Genüge tun. Essenziell ist die Stärkung demokratischer Institutionen, wobei Transparenz, Partizipation und Rechenschaftspflicht eine entscheidende Rolle spielen, um das Vertrauen in staatliche Strukturen zu stärken. Erst eine solche Gesellschaft, die so auch einer (wahrgenommenen) Polarisierung entgegenwirkt, zahlt auf die wirtschaftliche Performance ein.
Gelingt gesellschaftlicher Zusammenhalt, werden Bürgerinnen und Bürger eher bereit sein, ihre Leistungsbereitschaft und Kreativität in die Gesellschaft einzubringen und Risiken auf sich zu nehmen. Nur so kann sich Leistungsgerechtigkeit voll entfalten.
Als Beispiel für eine gelungene Berücksichtigung der wechselseitigen Beziehung von wirtschaftlicher Performance und gesellschaftlichem Zusammenhalt sehen wir die ordnungspolitischen Regeln des europäischen Digitalmarktes, dem Digital Markets Act (DMA) und den Digital Services Act (DSA). Der DMA wirkt Wettbewerbsverzerrungen entgegen und schränkt Marktmacht ein, während der DSA die Menschen zur freieren Nutzung des Internets befähigen soll und Hassreden stärker reguliert.
Abschließend lässt sich sagen, dass Investitionen in den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein ökonomischer Faktor sind, der sich mittelfristig auszahlt. Genauso wie kluge und zielgenaue Investitionen für erfolgreiche wirtschaftliche Prozesse unerlässlich sind, sind auch kluge und zielgenaue soziale Investitionen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt essenziell. Nur so gewährleisten wir auch in Zukunft eine gerechte und wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaft.