Ausgabe: Juli-August 2026

Schwerpunkt

Unsichtbare Mauern und der Blick über den Tellerrand

Spielerisch wird den Kindern beispielsweise vermittelt, dass eben nicht alle Familien in der Klasse Weihnachten feiern, auch wenn es in Bayern omnipräsent zu sein scheint. So dürfen sie sich auf andere Perspektiven einlassen. Foto: MARINA / ADOBE STOCK

Arbeitsreiche Jahre liegen hinter mir. Ein Arbeiten für Schule und Gesellschaft. Als Auszeichnung werde ich zu einer Veranstaltung in München eingeladen. Das Ziel: Die Vernetzung von engagierten Frauen. Gefragt nach meinen Aktivitäten, erzähle ich von der Entwicklung des Interreligiösen Dialogs an meiner Schule und meiner ehrenamtlichen Arbeit. Mein Gegenüber sieht mich nachdenklich an: „Wahrscheinlich bist du hier, weil du interessant aussiehst. Europäisch und Kopftuch“ 

Mein Kopf dröhnt, wieder bin ich gegen eine Mauer gerannt. Jene unsichtbaren Mauern, die nur diejenigen bemerken, für die sie undurchlässig sind.

Integration, Leistung, Bildung wird uns als Versprechen verkauft: Dann gehört ihr zu uns. Dann seid ihr gleichwertig. Dass selbst immer wieder Menschen, die sich selbst eigentlich für eine offene Gesellschaft engagieren, dieses Versprechen nicht einlösen, liegt in unbewussten, erlernten Vorurteilen. Um die Gesellschaft zu verändern, muss man früh mit dem Erwerb von Pluralitätskompetenz beginnen. Kindergarten und Schule sind hierfür der ideale Ort. Das Mittel in diesem Fall ist der Interreligiöse Dialog.

Augenhöhe muss auf vielen verschiedenen Ebenen hergestellt werden. In der Schule selbst, aber auch im interreligiösen Dialog. Kein Mensch ist frei von Rassismus oder Antisemitismus. Selbst Kindergartenkinder, die lange als „rassismusfrei“ galten, kennen die Vorurteile und Hierarchien der Gesellschaft. Sie lernen sie von Erwachsenen, indem sie deren Sprache und Verhalten wahrnehmen, aber auch aus Büchern, Serien und Filmen. Welche Feste werden bemerkt und gefeiert? Welche Feste werden fremd markiert? Zu Beginn des interreligiösen Dialogs in der 5. Klasse meiner Schule konfrontieren wir die Schülerinnen und Schüler damit, dass nicht alle dieselben Feste feiern. Die Einheit ist an die Vorstellung von Weihnachten angeschlossen, ein Fest, das weltweit omnipräsent ist. Egal, ob die Kinder den Fernseher einschalten, in der Stadt unterwegs sind, Werbung sehen oder Schaufenster bewundern – überall scheint Weihnachten zu sein. Dies soll hier nicht kritisiert werden. Ziel ist es, die Wahrnehmung aufzubrechen, dass alle dieses Fest feiern, um den Kindern zu ermöglichen, sich auf andere Perspektiven einzulassen. Gleichzeitig ist Raum für die Schönheit und die religiöse Bedeutung des Festes.

Der Aha-Effekt stellt sich ein, wenn gefragt wird, ob sie dieselben Feste feiern. Obwohl die Kinder dieselben Klassen besuchen und den Großteil ihres Tages miteinander verbringen, sind sich viele nicht bewusst, dass andere Familien ihr Leben anders gestalten. Diese erste Konfrontation mit der Tatsache, dass die eigene Lebensweise bzw. Religion nicht unbedingt die aller anderen ist, schafft zwar Öffnung, aber noch keine Offenheit. Denn wir haben immer noch eine Abstufung: „ihre“ Feste sind präsent und vorkommend, die anderen sind anders und vielleicht irgendwie „exotisch“.

Notwendigkeit einer fundierten Begleitung

Auch wenn der Aufbau dieser kleinen Unterrichtseinheit auf den ersten Blick einfach wirkt, gibt es im Hintergrund viele Prozesse, die ablaufen und das Ziel „Offenheit auf Augenhöhe“ begünstigen. Es wurde angesprochen, dass Weihnachten omnipräsent ist, und natürlich kennen auch die meisten nicht-christlichen Kinder die Weihnachtsgeschichte. Die Vorstellung des Festes ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern einerseits, sich selbst intensiver mit ihrer Religion auseinanderzusetzen. Andererseits schafft sie eine Gleichwertigkeit unter den im Laufe des Jahres vorgestellten Festen, wenn nicht manche als „Allgemeinbildung“ und andere als „erklärungsbedürftig“ gekennzeichnet werden.

Beim interreligiösen Dialog ist die Überprüfung der Wahrnehmung der eigenen Religion wichtig. Nach einem Synagogenbesuch der gemäßigt orthodoxen Gemeinde Ohel Jakob in München äußerte eine katholische Schülerin die Beobachtung, dass die Regeln im Judentum strenger seien, beispielsweise in Bezug auf den Besuch des Gottesdienstes. Im Christentum wäre man ihrer Meinung nach freier. Der Besuch anderer Religionsgemeinschaften ist ein wichtiger Bestandteil des interreligiösen Dialogs und kann die Offenheit gegenüber anderen Religionsgemeinschaften fördern. An der Aussage der Schülerin wird jedoch deutlich, dass diese Besuche gut vor- und nachbereitet werden müssen. Wenn bei den Kindern nach dem Besuch der Eindruck „Das ist eine fremde Religion mit einschränkenden Regeln“ haften bleibt, wurde das Gegenteil dessen erreicht, was man mit einem Besuch eigentlich bewirken wollte.  In diesem Fall wurde kurz darüber reflektiert, ob ein katholischer Pfarrer die Einschätzung „Der Kirchenbesuch am Sonntag ist nicht so wichtig“ teilen würde. Wichtig ist es auch, den Schülerinnen und Schülern klarzumachen, dass es im Judentum ebenso wie im Christentum und Islam eine Vielfalt von Strömungen gibt. Etwas, das sich sehr trivial anhört, aber tatsächlich essenziell ist, ist, dass Juden und Jüdinnen Individuen sind. Sie treffen in Bezug auf ihre Religion individuelle Entscheidungen und leben ihr Leben individuell. Es ist irritierend, das zu lesen, weil man denkt: Ja, das ist doch klar! Und doch werden Juden und Muslime zu Gruppen gemacht, die ihre Individualität verlieren.

Gegen die Logik der Pauschalisierung

Folgende Schlagzeile wanderte durch Österreichs Zeitungen: „Islam-Anteil in Wiens Volks- und Mittelschulen beträgt 41,2 Prozent.“ Das ist ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Bildungsstadträtin Emmerling will abwertenden Haltungen mit einem verpflichtenden Unterrichtsfach entgegentreten.“

Alle muslimischen Schülerinnen und Schüler werden hier zu einer gefährlichen Gruppe stigmatisiert, die als Problem behandelt werden muss. Alle werden über einen Kamm geschoren, ihre Individualität geht verloren – allein, weil sie ein Merkmal gemeinsam haben: ihre Religion. Der Bericht erwähnt zwar ein wichtiges Lernziel, das Bildungsstadträtin Emmerling vorantreiben will: die Pluralitätsfähigkeit. Allerdings sind die Machtverhältnisse in diesem interkonfessionellen Dialog schon klar festgelegt. Die anderen, also die Muslime, müssen sich nur uns, den Christen, anpassen, dann haben sie automatisch alle Werte und sind endlich zivilisiert. Begegnung allein schafft keine Offenheit. Wichtig ist, sich selbst und die eigenen Vorurteile zu überdenken und aufzudecken. Wir alle tragen diese Vorurteile in uns, und oft treten sie unbewusst zutage. Dieses Bewusstsein ist wichtig, um eine Gesellschaft zu bauen, wie wir sie uns wünschen: offen und gerecht. Natürlich könnte ich hier auch über die Gefahren radikaler Gruppierungen schreiben, über den Zulauf, den Parteien wie die AfD beispielsweise bekommen, oder über die Rhetorik mancher Politiker. Der Soziologe Aladin Al-Mafaalani bezeichnet die Mitte als eine Art „Pudding“, der sich dorthin bewegt, wohin man ihn drückt. Ein einprägsames Bild für etwas, auf das die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung in den vorigen Jahren vermehrt hingewiesen hat. Dieses Bild ist jedoch nicht nur einprägsam, sondern wirkt auf viele, die sich der Mitte zurechnen, auf den ersten Blick vielleicht auch verletzend.

Wer will schon ein scheinbar willenloser Pudding sein, der sich aus Angst um das eigene wirtschaftliche Wohlbefinden in die Richtung von Extremen treiben lässt. Doch genau diese schmerzhafte Selbstreflexion, den eigenen eingeschriebenen Rassismus und Antisemitismus aufzudecken, sich selbst sich zu öffnen, schafft die Basis, um sich auch anderen gegenüber zu öffnen. Nur so kann interreligiöser Dialog auf Augenhöhe stattfinden und sich eine offene Gesellschaft etablieren. Kindergarten und Schule sind die besten Orte dies einzuüben. Damit diese Kinder im Erwachsenenalter nicht von Äußerlichkeiten abgelenkt sind, sondern sagen können. „Schön, dass wir uns gemeinsam für eine bessere Welt einsetzen.“


Verfasst von:

Bettina Mehic

Gymnasiallehrkraft und Aktivistin