Ausgabe: Juli-August 2026
SchwerpunktOffenheit als Herausforderung unserer Zeit
Digitale Wege für eine offene Gesellschaft in der Pfarrgemeinde
Die Diskussion um eine „offene Gesellschaft“ hat nach den vergangenen Wahlen an Dynamik gewonnen. Polarisierung, Misstrauen und gesellschaftliche Spannungen sind vielerorts spürbar. Dabei ist Offenheit kein abstrakter Begriff, sondern eine konkrete Aufgabe: Es gilt, Räume zu schaffen, in denen Menschen einander begegnen, zuhören und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Diese Aufgabe stellt sich auch in Pfarrgemeinden – und sie hat längst eine digitale Dimension.
Kirchliche Gemeinden sind Orte der Begegnung, des Dialogs und der Teilhabe. Offenheit gehört damit zum Kern kirchlichen Handelns. Gleichzeitig steht sie unter Druck durch gesellschaftliche Abschottung ebenso wie durch digitale Strukturen, die Abhängigkeiten schaffen.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Kirche ihre digitale Präsenz bewusst gestaltet.
Ein Blick nach Bayern: Abhängigkeit hat ihren Preis
Ein aktuelles Beispiel aus Bayern zeigt die Problematik. Der verstärkte Einsatz von Microsoft-Software in der öffentlichen Verwaltung steht vielfach in der Kritik. Neben Fragen des Datenschutzes geht es vor allem um steigende Kosten und Abhängigkeiten.
Digitale Souveränität gibt es nicht kostenlos, aber wer sich dauerhaft nur auf große Anbieter verlässt, zahlt dauerhaft deutlich mehr. Über Jahre gewachsene Bindungen führen heute zu hohen laufenden Ausgaben und langfristigen Verpflichtungen. Hinzu kommen indirekte Kosten, beispielsweise für Schulungen, Integration oder externe Dienstleister. Besonders problematisch ist es, wenn ein Lock-in-Effekt entsteht: Ein Wechsel wird mit der Zeit immer schwieriger und teurer, selbst wenn die alternativen Lösungen mit deutlich geringeren Kosten und anderen Vorteilen verbunden sind. Der Grund dafür sind die bereits getätigten Investitionen in das bisherige System und die hohen Kosten für den Wechsel selbst.
Gerade hier kann die Kirche bewusst einen anderen Weg gehen: frühzeitig, werteorientiert und nachhaltig.
Digitale Chancen konkret nutzen
Digitale Werkzeuge eröffnen Pfarrgemeinden viele Möglichkeiten. Kommunikation, Organisation und Beteiligung können damit einfacher und inklusiver gestaltet werden. Wichtig ist dabei, konkrete Angebote zu nutzen.
Ein Beispiel ist katholisch.social, das kirchliche Zugänge zum Fediverse bietet. Gemeinden können Teil eines offenen, nicht-kommerziellen Netzwerks werden und ihre Kommunikation unabhängig gestalten.
Auch praktische Werkzeuge sind verfügbar. Der Terminplaner unter terminplaner.katholisch.social ermöglicht einfache und datenschutzfreundliche Abstimmungen.
Zusammenarbeit digital gestalten
Plattformen wie „communicare.social”, die bereits in vielen bayerischen Bistümern genutzt wird, bieten eine umfassende digitale Arbeitsumgebung mit Formularen, Kalendern, Möglichkeiten zum Dateiaustausch, einem Online-Office, einem sicheren Postfach und Videokonferenzen.
Ergänzend unterstützt kcrm.info eine strukturierte und zeitgemäße Kontaktarbeit in Gemeinden.
Solche Lösungen erleichtern die Zusammenarbeit – gerade im Ehrenamt – und stärken gleichzeitig die digitale Selbstständigkeit.
Open Source und Datenschutz als Grundlage
Open-Source-Technologie ist die Grundlage vieler digitaler Angebote. Unter Open-Source-Software versteht man Programme, deren Quelltext öffentlich zugänglich ist und von Dritten eingesehen, geprüft, verändert und weiterverwendet werden kann. Dies fördert Transparenz, Nachvollziehbarkeit und technologische Souveränität, da Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern reduziert werden. Zugleich ermöglicht der offene Entwicklungsansatz eine kollaborative Weiterentwicklung durch eine breite Gemeinschaft, was Innovation und Sicherheit stärken kann. Open Source ist dabei nicht mit Kostenfreiheit gleichzusetzen, denn für Support, Anpassung oder Betrieb können durchaus Aufwendungen entstehen. Datenschutz stellt in diesem Kontext kein Hindernis dar, sondern ist im Gegenteil eine zentrale Voraussetzung: Die Offenheit des Codes erleichtert die Überprüfbarkeit datenschutzrechtlicher Anforderungen und schafft so die Grundlage für Vertrauen und eine verantwortungsvolle Nutzung.
Soziale Medien bewusst nutzen
Richtig eingesetzt, können soziale Medien Gemeinschaft stärken und neue Zugänge eröffnen. Entscheidend ist, nicht nur zu senden, sondern auch den Dialog zu ermöglichen – besonders in offenen Netzwerken.
Herausforderungen realistisch sehen
Selbstverständlich gibt es Hürden: begrenzte Ressourcen, Unsicherheiten im Umgang mit Technik sowie gesellschaftliche Entwicklungen wie Desinformation. Dabei versteht man unter Desinformation die absichtliche Verbreitung falscher oder irreführender Informationen, um Meinungen aktiv zu beeinflussen und jemandem, einer Organisation oder einem Land zu schaden. Doch viele der oben genannten Herausforderungen lassen sich gemeinsam bewältigen.
Konkrete erste Schritte
Pfarrgemeinden müssen nicht sofort alles umstellen. Schon kleine Schritte können viel bewirken:
- datenschutzfreundliche Tools ausprobieren,
- bestehende kirchliche Angebote nutzen,
- sich im Fediverse vernetzen,
- digitale Kompetenzen vor Ort aufbauen und miteinander lernen
Fazit: Offenheit braucht konkrete Praxis
Offenheit braucht konkrete Praxis. Eine offene Gesellschaft entsteht nicht von selbst. Sie wird dort konkret, wo Menschen Verantwortung übernehmen – auch digital. Pfarrgemeinden können hier Vorreiter sein. Wenn sie auf offene Technologien, Datenschutz und gemeinschaftliche Lösungen setzen, zeigen sie, dass es Alternativen zu Abhängigkeit und Abschottung gibt. So wird digitale Offenheit zu einem glaubwürdigen Teil kirchlichen Handelns und leistet einen Beitrag für eine offene Gesellschaft insgesamt.
Digitale Werkzeuge für die Praxis
Offene und datenschutzfreundliche Angebote für Pfarrgemeinden:
Zugang zum Fediverse (z. B. Mastodon, Pixelfed) für kirchliche Kommunikation
Weitere Server und StarterPacks. StarterPacks sind kuratierte Listen von Fediverse-Accounts, die den Einstieg in verschiedene Bereiche und Communities – rund um den Hashtag #Fedikirche – erleichtern.
Einfache, datenschutzfreundliche Terminabstimmungen ohne kommerzielle Anbieter
Communicare - communicare.social
Plattform für Zusammenarbeit: Kalender, Dateien, Postfach, Formulare, Videokonferenzen
kCRM - Software zur Kirchenverwaltung | alle Bereiche
Unterstützung für modernes Kontakt- und Beziehungsmanagement in Gemeinden
Tipp: Viele dieser Angebote sind bereits verfügbar – es lohnt sich, im eigenen Bistum nach bestehenden Lösungen zu fragen.
Verfasst von:
Dominikus Zettl
Seit 2023 Diözesandatenschutzbeauftragter und Leiter des Katholischen Datenschutzzentrums Bayern