Ausgabe: Juli-August 2026
SchwerpunktMehr als eine edle Geste
Zur Offenheit in Gruppen und Pfarreien gehört unbedingt die Bereitschaft zum Dialog
Pfarrer Klaus Meyer von der katholischen Pfarrei Mariä Aufnahme in den Himmel in Roth hat nichts dagegen, wenn sich in seiner Gemeinde, ähnlich wie in einem Chor, mehrere Stimmen vernehmen lassen. Im Gegenteil: Das Rother Pfarreileben wäre wesentlich ärmer ohne jene Mitglieder, die er „säkulare Christen” nennt: „Bei uns ist viel Leben da, auch mit Dingen am Rande.“ Ein Paradebeispiel ist der Strick- und Häkelkreis „Crazy Nadeln”.
Klaus Meyer weiß nicht genau, wer sich hier alles tummelt. Die Leiterin ist auf jeden Fall Katholikin. Das ist ihm bekannt. Es gibt Protestantinnen, weiß er. Und möglicherweise auch „Häkelverrückte” ohne Konfession.
Natürlich braucht jede Gemeinschaft ein verbindendes Kennwort, damit sie zusammenhalten kann. Einen gemeinsamen Geist. Ein Gelübde oder ein Wertegerüst. Oder, so Klaus Meyer, einen „roten Faden”. Das ist für ihn allerdings nicht unbedingt der Taufschein. Sondern die Bereitschaft, im christlichen Sinne Gutes zu tun. Bei den „Crazy Nadeln” wird viel Gutes getan. Die gestrickten und gehäkelten Socken, Decken und Kuscheltiere werden an das Frauenhaus oder die Comenius-Schule gespendet. Neulich fand erst eine Spendenübergabe statt. Die lokale Presse war auch dabei. Dank der „Crazy Nadeln” stand die Kirche wieder einmal im Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Anders zu sein, bringt jedoch die Gefahr von Konflikten mit sich, denn den „Normalos” will mitunter nicht in den Kopf, dass die anderen derart anders denken und sich derart anders verhalten. Laut Klaus Meyer ist es allerdings ein Trugschluss zu glauben, dass es in homogeneren Gemeinschaften weniger Konflikte gäbe. In seiner alten, homogeneren Pfarrei hatte er häufiger mit Konflikten zu tun als bisher in Roth. Und das lag nicht daran, dass die Gemeindemitglieder zu verschieden waren: „Es war eher so, dass die einen das Pferd von hinten und die anderen es von vorn aufzäumen wollten.”
Offen für alle
Während sich das säkulare Marketing gewöhnlich auf spezielle Zielgruppen ausrichtet, möchte Klaus Meyer ohne missionarischen Eifer für alle offen sein, die an einer Kooperation mit seiner Pfarrei interessiert sind. Sicher kann man die Frage stellen, was diese Offenheit letztlich bringt. Die meisten Damen der „Crazy Nadeln” zum Beispiel besuchen nie den Gottesdienst. Laut dem Rother Theologen ist das jedoch kein außergewöhnliches Phänomen: „Ich kenne das von KAB-Mitgliedern, die führen manchmal auch ein Eigenleben. Sie haben ihren eigenen KAB-Gottesdienst und danach sieht man sie nicht mehr.“
Keine Pfarrei kann sich von dem, was in der Gesellschaft passiert, abkoppeln, weshalb sie zur Offenheit fähig sein muss, betont Michael Wolf, der Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Würzburg. Scheuklappen vereinfachten zwar das Leben, ließen aber auch vieles verpassen. Offenheit für neue Fragestellungen bedeute jedoch nicht, dass jeder Trend angenommen werden müsse. „Es bedeutet vielmehr, dass ich mich den Anforderungen stelle, sie analysiere und eine Entscheidung treffe, ob Handlungsbedarf besteht und was unser Beitrag zur Bearbeitung sein kann”, unterstreicht er.
Geschlossenheit kann im Extremfall bis hin zur Sterilität gehen. Aus Angst, mit Verstörendem „infiziert“ zu werden, schotten sich Menschen, Gruppen und womöglich auch Pfarreien ab. Dadurch hofft man, Konflikte zu vermeiden. „Dabei ist ein Konflikt an sich nichts Schlechtes, er zeigt nur, dass zwei Personen oder Gruppen unterschiedliche Meinungen haben“, so Michael Wolf. Oft sei es hilfreich, die Meinung anderer zu hören. So könne man die eigene Position überprüfen. Dies setze jedoch die Bereitschaft zum Dialog voraus, so Wolf.
Bereit zum Dialog
Für alle, die wirklich offen sein möchten, ist Dialogbereitschaft in Verbindung mit einem gesunden Selbstbewusstsein unumgänglich. „Öffnung ohne Dialogbereitschaft macht aus meiner Sicht keinen Sinn“, sagt Michael Wolf. Wer nur seine eigene Meinung hören möchte, sollte am besten in seinem Umfeld bleiben. Für eine „offene Gesellschaft“ ist es essenziell, die Meinung des anderen zu hören, sie zu überdenken und auf relevante Aussagen hin zu überprüfen.
Dahinter steckt das Bewusstsein, dass der andere womöglich recht haben könnte. Und dass man selbst möglicherweise aufgrund fehlender Erfahrungen falsch gedacht hat. Oder zu falschen Schlussfolgerungen kam. Raphael Stadtmüller kann die Aussagen von Michael Wolf nur voll unterschreiben. Allerdings stellt er fest: „Tatsächlich nimmt die Dialogbereitschaft stark ab.“ Wer anders denkt, werde dieser Tage schnell ausgegrenzt, beobachtet der Pastoralreferent aus Karlstadt. Immer weniger Menschen seien bereit, sich auf einen von Toleranz getragenen, sachlichen Austausch einzulassen.
Wie stark der Meinungskorridor verengt ist, merke man laut dem 28-Jährigen zum Teil rasch bei einer anfangs leichten Unterhaltung. Zum Beispiel mit Ehrenamtlichen in der Pfarrei. Diese äußern, haben sie Vertrauen zu ihm gefasst, nicht selten, dass sie es nicht mehr immer wagen, zu sagen, was sie denken. Eben weil es immer schwerer wird, Brücken zwischen verhärteten Positionen zu schlagen. Raphael Stadtmüller hat in zweierlei Hinsicht eine vom Mainstream abweichende Meinung. Er lehnt den „Genderzwang“ ab: „Das ist für mich ein Pseudosymbol von Offenheit und hat mit Macht zu tun.“ Zudem ist er überzeugt, dass nur Männer für das Priesteramt berufen sind.
Erschreckende „Cancel Culture“
Im Internet kann man für solche Ansichten schnell einen Shitstorm ernten. Im echten Leben läuft man Gefahr, abgestraft zu werden. Für Raphael Stadtmüller ist die um sich greifende „Cancel Culture“ in diesem Zusammenhang erschreckend: „Die offene Gesellschaft zerstört sich gerade selbst.“ Der junge Theologe erinnert an die Ausladung des Philosophen Sebastian Ostritsch von der von Jesuiten gegründeten Münchner Hochschule für Philosophie Ende vorigen Jahres. Nach studentischen Protesten konnte die Sicherheit von Referent und Veranstaltung nicht mehr gewährleistet werden. Ein Grund für den Protest war Ostritschs Engagement bei der „Tagespost“.
Hätte es nicht viel mehr zur Deeskalation beigetragen, wenn man sich argumentativ und sachlich mit den Positionen des Philosophen auseinandergesetzt hätte? Das fragt sich Raphael Stadtmüller: „Ich selbst möchte keine repressive Gesellschaft und ich möchte nicht in Unfreiheit Dinge tun, nur weil sie erwartet werden.“ Er sei stets bereit, seine Positionen zur Diskussion zu stellen. Eine gute Freundin von ihm sei absolute Befürworterin des Priesteramts für Frauen, erzählt er. Die Diskussionen mit ihr empfindet er immer wieder als inspirierend.
Weil derzeit alles so gespalten erscheint, drängt sich der Verdacht auf, dass insgeheim nach der Devise „divide et impera“ agiert wird. Wer die Menschen aufeinanderhetzt, kann unbehelligter Macht ausüben. Raphael Stadtmüller sieht diese Entwicklung mit Besorgnis. Er selbst lehnt alle starren Normen ab, die nur um der Normen willen erfüllt werden. Auch die Kirche müsse selbstverständlich neue Wege gehen, dabei dürfe man jedoch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Vor allem der Kern des Christentums dürfe auf keinen Fall verwässert werden.