Ausgabe: Juli-August 2026
SchwerpunktEinfach reinkommen und reden
Das Team des Würzburger Gesprächsladens steht Menschen jeder Couleur offen
Viele Nöte veranlassen Menschen, den Gesprächsladen der Würzburger Augustiner aufzusuchen. Wer die Tür öffnet, kann Gudrun Heid unmöglich wissen. Es kommen junge und alte Menschen, zwischen 18 und 90 Jahren. Es kommen Menschen, die erkennbar wenig Bildung genossen haben. Und andere, denen ein Doktorgrad zuzutrauen wäre. Gudrun Heid und ihr hauptamtlicher Kollege, der Augustinerbruder Jürgen Heß, sind für alle da.
Viele Menschen, die den Gesprächsladen betreten, haben das Gefühl, im Leben festzustecken, auf dem Trockenen zu schwimmen. „Verlusterfahrungen sind ein großes Thema”, sagt Gudrun Heid. Heute erst hatte sie es mit einem Mann zu tun, den das Leben vielfach gebeutelt hat. Er musste von jeher mit Einschränkungen zurechtkommen. Das Leben ließ ihm allerdings eine Frau über den Weg laufen, die mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Die beiden hatten sich gesucht und gefunden. Über 30 Jahre waren sie zusammen. Vor zwei Jahren starb die Frau. Der Mann kommt über diesen Verlust nicht hinweg.
Wenn jemand einen anderen Menschen so sehr geliebt hat, wie dieser Mann seine Frau, dann ist es völlig klar, dass man sich nicht nach kurzer Trauerzeit wieder ins „normale“ Leben eingliedern kann. „Noch dazu, nachdem kurz bevor die Frau starb, der Vater des Mannes gestorben war”, sagt Gudrun Heid. Seine eigene Krankheitsgeschichte wurde nach diesen beiden Todesfällen heftiger. Im Moment sieht er überhaupt keinen Sinn mehr im Leben. Er sieht nichts mehr, was ihm Freude bereiten oder Endorphine ausschütten könnte.
Seine frühere Entschlossenheit und Lebensfreude waren verschwunden, ebenso sein Ausgerichtetsein an Zielen. „Ich fragte ihn, was ihm zusammen mit seiner Frau Freude bereitet hatte. Da öffnete sich ein neues Erzählfenster“, berichtet Gudrun Heid. In solchen Fällen, in denen so viele existenzielle Probleme zusammenkämen, könne sie ihrem Gegenüber nicht sagen, was zu tun sei, so die Theologin und Trauma-Beraterin. Es gehe hier eher darum, wo die Trauer ihren Platz haben könne. Trauerprozesse können und dürfen, laut Gudrun Heid, lange dauern.
Kreuzchen bei „unbekannt“
Der Gesprächsladen ist vom Ethos absoluter Offenheit geprägt. Dies ist auch in großen Lettern am Eingang nachzulesen. Jeder darf kommen. Niemand muss sich outen. Egal, ob er katholisch, evangelisch oder überhaupt religiös ist. Es gibt zwar eine Jahresstatistik, sagt Bruder Jürgen Heß. Diese ist aber in erster Linie für die Geldmittelgeber bestimmt. Neben den Augustinern gehört dazu die Diözese Würzburg. In der Statistik wird grob festgehalten, wer den Gesprächsladen besucht. Wie alt der Besucher ungefähr ist. Ob er sich zu einer Konfession bekannt hat. Oft kreuzt Gudrun Heid das Kästchen „unbekannt“ an.
Nicht wenige Menschen kommen mit körperlichen Erkrankungen, andere lassen durchblicken, dass sie immer jemanden auf den Fersen haben. Sie sind psychotisch. Dank ihrer Ausbildung zur Trauma-Beraterin und ihrer zehnjährigen Erfahrung in einer Psychiatrie erkennt Gudrun Heid früh, ob jemand psychisch krank ist. Das ist jedoch kein Ausschlusskriterium. Obwohl der Gesprächsladen keine Psychotherapie anbietet. Die zehn freiwilligen Mitarbeiter sind alle fachlich qualifiziert. Viele von ihnen beraten auch in anderen Einrichtungen. Oder taten dies bis vor wenigen Jahren.
Die Idealbesetzung im Gesprächsladen liegt etwas über den aktuell zehn Freiwilligen. Zehn Ehrenamtliche sind jedoch bereits großartig. „Mehr als 14 möchten wir nicht, das wäre nicht gut für das Team”, sagt Bruder Jürgen Heß. Mit insgesamt zwölf Mitarbeitenden – zehn Ehren- und zwei Hauptamtlichen – kann die Nachfrage gut bedient werden. Rund 2.500 Männer und Frauen kommen pro Jahr in den Gesprächsladen, weil sie etwas auf dem Herzen haben, das sie im Moment mit niemandem sonst besprechen können. Etwa die Hälfte vereinbart vorab einen Termin. Die andere Hälfte kommt auf gut Glück in den Laden. Oft hat man auch das Glück, dass jemand für ein Gespräch frei ist.
Unkompliziert ansprechbar
Entsprechend ihrer innersten Überzeugung setzen sich die Ehrenamtlichen neben ihrem Beruf, beispielsweise bei einer Schwangerschaftsberatungsstelle, dafür ein, dass Menschen in Not jemanden haben, den sie unkompliziert ansprechen können. Bruder Jürgen Heß bietet daneben auch Asylberatung an. Das bedeutet, dass der Würzburger Gesprächsladen sehr häufig von Flüchtlingen aufgesucht wird. Oft kommen sie in Begleitung eines Dolmetschers. Das erleichtert die Gespräche. Diese finden je nach Besucher auf völlig unterschiedlichem Niveau statt.
Mit einem jungen Akademiker, der gerade sein Studium abgeschlossen hat, muss anders gesprochen werden als mit einem einfach gestrickten Franken. Gudrun Heid hat trotz ihrer vielfachen Qualifizierungen überhaupt kein Problem damit, sich sprachlich auf ganz unterschiedliche Menschen einzulassen. Da war unlängst zum Beispiel ein Mann bei ihr, der sich einfach mal auskotzen wollte. In breitem fränkischem Dialekt. Als sie ihn fragte, was in seinem Leben noch funktioniere und welche Kraftquellen er habe, erhielt sie eine überraschende Antwort: „Aso, auf meine Kinder lass ich nichts kommen!“
Immer wieder faszinierend ist, wie leicht Menschen, die sich gar nicht oder kaum kennen, im Gesprächsladen tief in höchst persönliche Gespräche eintauchen. „Jeden Tag kommt mindestens eine unbekannte Person herein, jeden Tag gibt es für mich etwas Neues“, sagt Gudrun Heid. Manche Besucher kennt sie allerdings auch. Sie waren vergangene Woche schon einmal da. Das Team bietet an, auch zwei- oder dreimal hintereinander zu kommen. Andere waren zu Jahresbeginn schon einmal hier. Oder vor sechs Jahren.
Stress im Job
Konflikte mit Kollegen oder Vorgesetzten gehören zu den Themen, die im Gesprächsladen immer wieder angesprochen werden. Gudrun Heid hatte erst heute wieder einen solchen Fall. Eine Frau kam zu ihr und berichtete, dass sie sicher gewesen sei, nach ihrer Berentung dort, wo sie so lange und gern gearbeitet habe, noch für ein paar Stunden weiterarbeiten zu können. Doch dann habe die neue Chefin einen Cut gemacht. Dann hatte sie auch noch erfahren, dass einer ihrer Kollegen die Stunden, die sie gerne gehabt hätte, angenommen hatte. Das trieb die Frau um. Ihre ganzen Pläne für den Ruhestand waren zusammengebrochen.
Auch diese Frau wurde durch das Aussprechen erleichtert und während der Minutenzeiger vorrückte, entstanden im Gesprächsladen mit Gudrun Heid neue Ideen. Die beiden kamen zu dem Schluss, dass es im Leben der Frau viele belastende Faktoren gab. Beim Nachdenken darüber kam der Gedanke auf, diese schweren Brocken in Form von Steinen zu symbolisieren. Auf diese Steine könnte man schreiben, was einen im Leben konkret bedrückt. Die Frau hatte fest vor, dies zu tun. Anschließend wollte sie die Steine im Main versenken.