Ausgabe: Juli-August 2026

Schwerpunkt - Vor Ort

Offene Gesellschaft - offene Kirche?

Eine offene Kirche beginnt mit einer Haltung, die einlädt, bevor sie bewertet – und mit Menschen, die aufeinander zugehen. Foto: MICHAEL F. SCHÖNITZER - OWN WORK, CC BY 4.0

Eine offene Gesellschaft ist kein beliebiges Nebeneinander, sondern ein bewusst gestaltetes Miteinander. Doch was bedeutet dieses Konzept, übertragen auf die kirchliche Wirklichkeit vor Ort?

Eine „offene Gesellschaft“ ist kein beliebiges Nebeneinander, sondern ein bewusst gestaltetes Miteinander. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Überzeugung und Lebensweise haben Platz, werden gehört und tragen gemeinsam Verantwortung. Eine Gesellschaft ist dort offen, wo Zugänge nicht unnötig erschwert werden, wo Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Ressource gilt – und wo das Gemeinwohl mehr zählt als die Lautstärke einzelner Gruppen.

Übertragen auf die Kirche bedeutet dies: Eine „offene Kirche“ ist nicht einfach eine Tür, die zufällig offensteht, sondern eine Haltung. Papst Franziskus hat dafür ein starkes Bild geprägt: die Kirche als „Feldlazarett“. Also ein Ort, der zuerst hinschaut, wer Hilfe braucht, statt zu prüfen, wer die richtigen Voraussetzungen erfüllt. Kirche ist offen, wenn sie einlädt, bevor sie bewertet, wenn sie zuhört, bevor sie urteilt, wenn sie begleitet, statt nur zu belehren.

Im Evangelium wird diese Haltung konkret. Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“ (Mt 11,28). Das „alle“ ist entscheidend. Es setzt keine Vorbedingungen. Es ist eine Einladung ohne Casting. Offenheit bedeutet also nicht Beliebigkeit, sondern Weite: Raum zu schaffen, in dem Menschen mit ihren Fragen, Brüchen und Hoffnungen vorkommen dürfen.

Was bedeutet das für eine Pfarrei vor Ort?

Zunächst eine praktische Frage: Sind unsere Räume tatsächlich zugänglich? Ist das Pfarrheim ein Ort, an dem man auch ohne Anlass willkommen ist, oder nur zu festen Terminen? Gibt es Gelegenheiten, einfach da zu sein und ins Gespräch zu kommen, ohne sofort eine bestimmte Rolle übernehmen zu müssen?

Offenheit zeigt sich auch in den Gremien. Ein Pfarrgemeinderat, der nur das klassische kirchliche Bildungsbürgertum abbildet, verpasst die Wirklichkeit. Wer sitzt am Tisch? Sind junge Eltern vertreten, Menschen mit wenig Zeit, mit anderer Muttersprache oder mit Brüchen im Lebenslauf? Offenheit heißt hier: aktiv suchen, ansprechen, ermutigen – und auch neue Formen der Beteiligung ermöglichen, die nicht nur denjenigen offenstehen, die abends drei Stunden Zeit haben.

Weiter geht es um Sprache und Kommunikation. Verstehen Außenstehende überhaupt, wovon wir sprechen? Reden wir in Codes und Chiffren, die nur Eingeweihte entschlüsseln können? Eine offene Pfarrei erklärt, übersetzt, lädt ein und nimmt Rückfragen ernst.

Schließlich: Kooperation nach außen. Offene Gemeinden vernetzen sich mit Vereinen, Initiativen, Schulen, evangelischen und orthodoxen Nachbargemeinden sowie mit Menschen anderer Religionen oder ohne religiöse Bindung. Ja, sie vernetzen sich sogar mit jenen, die vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Nicht aus Beliebigkeit, sondern aus der Überzeugung heraus, dass unsere Sendung nicht an der Pfarrgrenze oder dem Mitgliedsregister endet.

Offenheit ist kein fertiger Zustand, sondern ein Weg. Sie kostet Kraft und oftmals auch Mut. Aber sie entspricht dem Kern des Evangeliums, einer Einladung, die größer ist als unsere Gewohnheiten. Und vielleicht beginnt sie ganz einfach mit einer offenen Tür und einem Menschen dahinter, der sagt: „Schön, dass du da bist.“


Verfasst von:

Richard Mathieu

Theologischer Grundsatzreferent im Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum München und Freising