Ausgabe: Juli-August 2026

Schwerpunkt

Die Religion der offenen Gesellschaft

Vielfalt als Stärke: Die offene Gesellschaft lässt Raum für unterschiedlichste Lebensentwürfe und Überzeugungen. Foto: NOUVAL / ADOBE STOCK

Demokratie und Glaube

Ein weltanschaulich neutraler Staat bietet den Religionen Schutz und Freiheit. Doch die Grundlagen dieser Ordnung stehen heute unter Druck – durch Identitätspolitik und den Verlust von Wahrheit.

Der Begriff der Offenen Gesellschaft stammt von dem Wissenschaftstheoretiker Karl Raimund Popper, der ihn in seinem während des Zweiten Weltkriegs entstandenen Buch Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde entwickelt hat. Der in diesem Titel enthaltene Gegensatz zwischen der freiheitlichen Demokratie und den auf Zwang beruhenden geschlossenen Gesellschaften der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts hat eine handvoll Aspekte: Eine offene Gesellschaft verhindert Machtkonzentration durch Gewaltenteilung. Anstelle einer verbindlichen Ideologie mit absolutem Wahrheitsanspruch und Sinnstiftung setzt sie auf Pluralismus und kritische Rationalität. Dem deterministischen Historizismus, im Geschichtsverlauf eine unausweichliche Gesetzmäßigkeit erkennen zu wollen, setzt sie die Fehlerfreundlichkeit wiederkehrender Wahlen entgegen. Anstatt utopische Glücksversprechen rücksichtslos zu verfolgen, setzt sie auf die Vermeidung von Leiden. Und sie ist nicht einer kollektiven Identität verpflichtet, sondern der Freiheit, Würde und Selbstbestimmung individueller Personen.

Religionsfreiheit als Chance

Eine in diesem Sinne offene Gesellschaft bietet auch den Religionen unschätzbare Vorteile. Denn nur ein weltanschaulich neutraler Staat wie der freiheitlich-demokratische Verfassungsstaat der westlichen Moderne garantiert umfassende Religionsfreiheit, ohne den Glauben für sich zu instrumentalisieren. Und er kann allen ideologischen Versuchungen widerstehen, weil er die Frage nach höherem Sinn nicht selber beantworten muss. Die offene Gesellschaft und ihre Religionen profitieren also wechselseitig voneinander. Das hat der bedeutende katholische Staatsrechtslehrer und Richter des Bundesverfassungsgerichts Ernst-Wolfgang Böckenförde schon kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit der Mahnung ausgedrückt, der freiheitlich-säkulare Staat sei für seine religiösen Bürgerinnen und Bürger „die Chance der Freiheit, die zu erhalten und zu realisieren auch ihre Aufgabe ist.“

Doch heutzutage gibt es erneut massive Angriffe auf die offene Gesellschaft, wenn kollektive Identitäten konstruiert und gegen individuelle Rechte ausgespielt werden, politische Macht zulasten der Gewaltenteilung ausgebaut wird und ein mit der offenen Gesellschaft unvereinbarer Antipluralismus als demokratisch dargestellt wird. Es ist kein Zufall, dass schon Carl Schmitt, der „Kronjurist des Dritten Reiches“ (Waldemar Gurian), in seiner Schrift Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus genau dies getan hat mit seinem Satz, „die politische Kraft einer Demokratie“ zeige sich darin, „dass sie das Fremde und Ungleiche, die Homogenität Bedrohende zu beseitigen oder fernzuhalten weiß.“

Wahrheit und „Bullshitting“

Neu hingegen ist das zulasten der kritischen Rationalität der offenen Gesellschaft gehende Phänomen des Bullshitting (Harry G. Frankfurt), mit dem die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge aufgelöst wird. Denn ein Lügner kennt die Wahrheit, die er bewusst verfälscht, und der strategische Zweck einer Lüge besteht darin, sie als Wahrheit erscheinen zu lassen. Wer hingegen Bullshit produziert, interessiert sich nicht einmal mehr für Glaubwürdigkeit. Vielmehr wird widersprüchlicher Unsinn so massenhaft und pausenlos verbreitet, dass das Interesse und der Glaube an Wahrheit allenthalben schwindet und nicht einmal mehr die zynisch-resignative Pilatus-Frage, was denn Wahrheit sei (Johannes 18,38), gestellt wird. In den USA, wo der amtierende Präsident die Strategie des Bullshitting perfektioniert hat, verbindet sich das mit einem „identitären Christianismus“ (Rogers Brubaker), der die unfrohe Botschaft der Abwertung und Ausgrenzung unerwünschter Mitmenschen an die Stelle des christlichen Versöhnungsauftrags setzt.

Mit dieser Bestimmung, welches Verständnis von Religion zur offenen Gesellschaft passt, ist nun auch ein Aspekt unseres auf das Buch Die Religion der Gesellschaft des Soziologen Niklas Luhmann anspielenden Titels geklärt. In dieser Anspielung steckt aber eine Doppeldeutigkeit, denn die offene Gesellschaft kann auch zu einer Zivilreligion übersteigert werden. In diesem Fall würde Offenheit nicht mehr im unmittelbaren Sinne verstanden, sondern inhaltlich verengt: Die Gesellschaft würde dann nicht mehr als offen für unterschiedlichste Anliegen verstanden, sondern nurmehr als offen gegenüber bestimmten Einstellungen. Das birgt die Gefahr, dass das in einer offenen Gesellschaft legitime Recht auf konservative Positionen in Frage gestellt und zum Beobachtungsobjekt von Wokeness wird, also der Sorge vor vermeintlich illegitimen, rückschrittlichen Ansichten.

Grenzen der „Cancel Culture“

Doch so wie eine ethnische oder religiöse Gruppenidentität niemals zulasten der Freiheit, Würde und Selbstbestimmung individueller Personen gehen darf, ist auch eine Cancel Culture gegenüber konservativen Überzeugungen mit der offenen Gesellschaft unvereinbar. Das gilt nicht nur für Gender-Themen, sondern auch für das Migrationsthema, hinsichtlich dessen kein geringerer als der reaktionärer Positionen unverdächtige, amerikanische Liberale John Rawls in seinem Buch Das Recht der Völker festgestellt hat, „dass ein Volk zumindest ein qualifiziertes Recht hat, die Einwanderung zu begrenzen“ und ein Grund dafür „der Schutz der politischen Kultur eines Volkes und seiner Verfassungsgrundsätze“ sein dürfe.

Sinnstiftung durch die Kirche

Darin zeigt sich die Herausforderung für die offene Gesellschaft, stets aufs Neue zu bestimmen, was das Allgemeinwohl ausmacht und dabei die Balance zwischen demokratischer Teilhabe und unverhandelbaren Prinzipien wie Freiheit und Menschenwürde zu wahren. Hieran mitzuwirken ist auch für die Kirchen eine bedeutsame Aufgabe.

Noch wichtiger für die offene Gesellschaft sind die Kirchen aber in einer anderen, nur scheinbar unpolitischen Hinsicht, und zwar dem in identitätspolitischen Debatten deutlich werdenden Bedürfnis nach Orientierung und Sinnstiftung. Dieses muss von politischen Vereinnahmungen verschont bleiben, und aufgrund seines strikt rationalen, unideologischen Charakters kann der freiheitlich-demokratische Verfassungsstaat ohnehin schwerlich herzwärmende Geschichten bieten. Umso wichtiger ist es also, dass die Kirchen sich auf ihr ureigenstes Anliegen besinnen, weltliche Widrigkeiten mit ihrer frohen Botschaft zu mildern.

Wenn dies alles gelingt, ist und bleibt die offene Gesellschaft die beste aller möglichen Welten, gerade auch, weil niemand mehr als sie Raum lässt für das, was über die Welt hinausreicht.


Verfasst von:

Karsten Fischer

Lehrstuhlinhaber für Politische Theorie am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft, München