Ausgabe: Juli-August 2026
ÖkumeneOffene Häuser – offene Gesellschaft?
Seit 2021 fördert das Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus. Miteinander – Füreinander“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend deutschlandweit etwa 530 Einrichtungen. Als Begegnungsorte in den Nachbarschaften stärken sie das Miteinander und Füreinander der Generationen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch wie arbeiten diese Häuser konkret? Lässt sich hier im Kleinen erproben, was eine offene Gesellschaft im Großen braucht? Eine Spurensuche in Mühldorf und Fürstenfeldbruck.
Bereits seit 2009 ist das Mehrgenerationenhaus Mühldorf eines der über 500 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland. Es ist Teil des dortigen Hauses der Begegnung, zu dem auch ein Familienstützpunkt sowie ein Familien- und Selbsthilfezentrum gehören. Michaela Gisnapp, die als Erzieherin und Sozialpädagogin tätig ist, arbeitet im Mehrgenerationenhaus in enger Abstimmung mit der Gesamteinrichtungsleiterin Alexandra Nettelnstroth. Gemeinsam mit drei Teilzeitkräften sind sie für die Koordination des umfangreichen Programms zuständig.
Die praktische Umsetzung stemmen größtenteils Ehrenamtliche. Michaela Gisnapp kümmert sich hauptsächlich um die Betreuungsbörse, bei der Babysitter und Wunschgroßeltern an Familien vermittelt werden, die Unterstützung bei der Kinderbetreuung suchen. Weitere Angebote sind das generationenübergreifende Frühstück am Freitagvormittag mit anschließendem Spieletreff, der Seniorenclub oder die Mediensprechstunde für Seniorinnen und Senioren ab 60 Jahren, die Fragen zum Umgang mit dem Smartphone, Laptop oder Tablet haben.
Den größten Bedarf für ihr Angebot sieht Alexandra Nettelnstroth bei von Einsamkeit betroffenen Menschen: „Grundsätzlich ist unser Angebot für alle wichtig, aber wir erleben, dass bei Senioren und jungen Familien Einsamkeit schon oft eine große Rolle spielt, vor allem bei den jungen Familien, die neu zugezogen sind. Die nutzen unser Begegnungsangebot gerne. Wir starten jetzt auch ein Café am Sonntag einmal im Monat. Sonntag ist oft der Tag, an dem die Menschen allein sind und das Bedürfnis nach Begegnung haben.“
Begegnung als Mittel gegen die Isolation
Die Begegnung steht auch für das Mehrgenerationenhaus Leben ist Begegnung in Fürstenfeldbruck im Zentrum. Christina Siedl leitet die Einrichtung seit Mai 2019 und öffnet nicht nur das Haus, sondern auch ihre Bürotür: „Unsere Tür steht immer offen, wenn wir da sind. Das wissen die Leute auch. Viele kommen vorbei, die eine Frage haben, Rat suchen oder Beratungsangebote im Haus annehmen möchten. Und genau dort findet das Kennenlernen statt.“ Aus dem Kennenlernen wird nicht selten die Teilnahme an einem der Angebote.
Es gibt mindestens dreimal pro Woche vier verschiedene Cafés: Müttercafés, Seniorencafés und ein offenes Café, zu dem man einfach kommen, sich umschauen und neue Leute kennenlernen oder einfach einen Kaffee trinken kann. Hinzu kommen thematische Angebote wie der Näh-Treff. Diese Begegnungen holen die Menschen heraus aus ihrem Alltag. „Und das zieht sie wiederum raus aus ihrer Einsamkeit und aus der Isolation, in der wir oft stecken, weil wir in unserem Alltag so eingebunden sind. Und dann haben wir die Möglichkeit, andere Altersgruppen, andere Nationen oder Menschen, die einfach anders ticken als wir, kennenzulernen“, erklärt Siedl.
Niederschwelligkeit und Barrierefreiheit im Fokus
Damit die Angebote möglichst vielen Menschen offenstehen können, setzt das Haus in Fürstenfeldbruck auf größtmögliche Niederschwelligkeit – und das schon beim Anmeldeprozess. Die meisten Angebote kommen ohne Anmeldung aus. Falls eine Anmeldung erforderlich ist, ist diese oft telefonisch möglich, um besonders ältere Menschen, die nicht digital unterwegs sind, nicht abzuschrecken. „Und uns reicht es einfach zu sagen, dass ich Helga oder Franz bin. Für unsere Angebote spielt der Nachname keine Rolle, denn entweder sind sie kostenlos oder es fällt eine Schutzgebühr von vielleicht zwei Euro an, die wir vor Ort erheben. Das heißt, es ist kein Abrechnungssystem notwendig“, so Siedl.
Auch der Standort in Fürstenfeldbruck ist günstig gewählt. Der Stadtteil Buchenau ermöglicht kurze Wege und eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, sodass auch Menschen mit Rollator oder im Rollstuhl das Mehrgenerationenhaus gut erreichen können. Der Zugang zum Haus ist vollständig barrierefrei.
Dennoch gebe es immer wieder Personengruppen, an die man nicht leicht herankomme, erzählt Michaela Gisnapp aus ihrer Erfahrung in Mühldorf: „Das sind zum einen ältere Männer. Das ist, glaube ich, so ein Generationending, dass das Männerrollenbild oft sehr starr ist. Sie können schlecht Hilfe annehmen. Wenn das Sozialleben die vorigen Jahrzehnte von der Ehefrau organisiert wurde, stehen sie nach deren Tod oft hilflos da.“ Zum anderen seien das Personen, die finanziell nicht so gut gestellt sind. „Die sind oft auch sozial im Abseits. An sie kommen wir eher über das Jugendamt und die Jugendhilfe heran, weil wir gut vernetzt sind mit den Fachkräften dort, die die Leute dann auch mal begleiten und mit ihnen herkommen. Für diese Menschen wären wir gerne noch mehr da.“
Ehrenamt als tragende Säule
Die Förderung durch das Bundesprogramm hilft den jeweiligen Trägern und Kommunen bei der Finanzierung. Dennoch braucht es in beiden Häusern neben Spenden auch Angebote, die einen kleinen Teilnahmebeitrag kosten, damit Material gekauft oder Aufwandsentschädigungen gezahlt werden können. Die Ehrenamtlichen betreuen die meisten Veranstaltungen und gestalten mit ihren Ideen das Portfolio maßgeblich mit, erzählt Michaela Gisnapp. „Es ist ganz selten so, dass wir nach Ehrenamtlichen oder Kursleitern suchen müssen. Die Leute kommen meistens zu uns mit einer Idee und wir versuchen zu unterstützen. Gerade machen wir eine Besucherbefragung im Haus, um herauszufinden, was noch gewünscht wird.“
In Fürstenfeldbruck kommen auf zwei Hauptamtliche insgesamt 83 Ehrenamtliche im Alter von 45 bis 80 Jahren, die 73 Angebote in 18 Handlungsfeldern von der Hausaufgabenbetreuung über Kunst bis zur Nachhaltigkeit anbieten. Dementsprechend wichtig ist Christina Siedl die Begleitung der Engagierten: „Da nehme ich mir jede Woche sehr viel Zeit dafür. Es ist mir sehr wichtig, dass diese Ehrenamtlichen, die ihre Fähigkeiten und ihre Zeit einbringen, sich gut betreut und wertgeschätzt fühlen.“
Diese Wertschätzung ist in ihren Augen auch die Haltung, die es sowohl für ihr Haus als auch für eine offene Gesellschaft braucht. Das entspreche auch der Ausrichtung ihres Trägers, der Ökumenischen Nachbarschaftshilfe Fürstenfeldbruck. „Und wenn ein Ehrenamtlicher oder eine Besucherin ihre Geschichte zum dritten Mal erzählt, dann ist es halt so. Aber da kommt dieser Mensch, weil er sonst niemanden hat, der ihm zuhört. Und das ist immer wichtig: auf das Bedürfnis zu schauen, das dahintersteckt. Ich will wahrgenommen werden, ich will wertgeschätzt werden, ich will jemanden, der mich sieht, der mir zuhört.“
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