Ausgabe: Mai-Juni 2026

Schwerpunkt

Vom Zauber des Anfangens

Engagierte Pfarrgemeinderatsmitglieder im Austausch: Gemeinsam beraten, planen und gestalten sie die nächsten Schritte für ein lebendiges Gemeindeleben – getragen von Vielfalt, Erfahrung und dem Mut, Neues zu wagen. Foto: Anna Hennersperger

Mutig Initiative ergreifen und offen für neue Wege

Mit der konstituierenden Phase der neuen Pfarrgemeinderäte beginnt eine Zeit voller Chancen: Neue und erfahrene Mitglieder bringen ihre Erfahrungen, Fragen, Hoffnungen und Begabungen ein – ein wertvoller Schatz für lebendige Gemeinden. Entscheidend ist, diesen Neustart bewusst zu gestalten.

„Herzlichen Glückwunsch!“ – So oder so ähnlich haben es vermutlich viele von Ihnen nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse für den Pfarrgemeinderat gehört oder selbst gesagt. Als Pfarrgemeinderätinnen und Pfarrgemeinderäte bringen Sie einen immensen Schatz in Ihr ehrenamtliches Engagement ein: Ihre persönlichen Lebenserfahrungen, Werte, Ihr Wissen und Können, aber auch Ihre Fragen, Hoffnungen, Ideen und Kirchenbilder. Ihr Glaube, Ihre individuelle Spiritualität und Ihre berufliche Kompetenz bilden eine wertvolle Vielfalt für die jeweiligen Pfarrgemeinden, Pfarrverbände oder Pastoralräume – wie auch immer die Strukturen in Ihren Diözesen benannt sein mögen.

Den Neustart bewusst wahrnehmen

Nun kann die Arbeit beginnen, ganz gleich, ob Sie zu den sogenannten „alten Hasen“ gehören oder neu in das Gremium gewählt worden sind. Es gilt, diesen Neustart bewusst wahrzunehmen, denn jeder Anfang ist eine Chance für alle, sofern sie aktiv genutzt wird. Selbst wenn sich ein Pfarrgemeinderat überwiegend aus erfahrenen Mitgliedern zusammensetzt, ist es notwendig, dem gemeinsamen Neubeginn Rechnung zu tragen. Wer neu hinzukommt, bringt Erwartungen mit und möchte diese aussprechen können; ebenso müssen diejenigen, die schon länger dabei sind, ihre Erfahrungen und das, was sie bewegt, einbringen können. Es entspricht einem Grundbedürfnis jedes Menschen, anerkannt, geschätzt und respektiert zu werden sowie das eigene Engagement angemessen gewürdigt zu wissen. Für einen gelingenden Start hilft es daher ungemein, sich Zeit füreinander zu nehmen – für das gegenseitige Kennenlernen, für realistische Ziele und bewältigbare Aufgaben. So kann mit der Zeit ein arbeitsfähiges Team entstehen, das Gemeinsamkeiten entdeckt, Synergien nutzt und sich Ziele setzt, die das persönliche „Wozu will ich da sein“ der einzelnen Mitglieder widerspiegeln. Der Zeitaufwand für diese Phase, etwa im Rahmen einer gut moderierten Startklausur, wird sich langfristig als sehr ertragreich erweisen.

Alle sind berufen und begabt

Pfarrgemeinderäte bereichern seit beinahe 60 Jahren das kirchliche Leben. Um dies weiterhin zu gewährleisten, sind Weitblick und ein Überblick über das gesamte Feld hilfreich, denn jede Pfarrei umfasst mehr, als man im Alltag wahrnimmt. Eine Falle vieler traditioneller Gemeinden besteht darin, eher den Träumen der vergangenen Volkskirche nachzuhängen, statt den mutigen Blick in die Zukunft zu wagen. Papst Franziskus erinnert daran, dass die Kirche das Haus aller ist und keine kleine Kapelle für ein ausgewähltes Grüppchen. Die Kirche darf nicht auf ein „schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit“ reduziert werden. Deshalb ist es wichtig, sich der gemeinsamen Grundlagen aus der Kraft des Evangeliums zu versichern: Was trägt uns im Glauben und wie kann unser Tun dazu beitragen, dass das Leben vor Ort Erfahrungen der Spuren des Reiches Gottes ermöglicht? In diesem Prozess darf fest darauf vertraut werden, dass alle berufen und begabt sind. Jede getaufte Person besitzt eine von Gott geschenkte, unvertretbare Begabung und Berufung und damit auch die Verantwortung, diese so in die Gemeinschaft einzubringen, dass sie anderen nützt. Der Apostel Paulus war fest davon überzeugt, dass dieser Geist jedem Mitglied geschenkt ist. Trotz mancher Zweifel, die hin und wieder angesichts der wahrnehmbaren Abwärtsspirale, in der sich Kirche befindet, geäußert werden, sind auch heute alle Kompetenzen vorhanden, die eine Gemeinde braucht, um die Freude, Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute resonant aufzunehmen. Neben bewährten Formaten wie Pfarrfesten oder Bildungsarbeit braucht es auch neue, kreative Wege, um die Lebensgeschichten der Menschen mit der heilenden Gottesgegenwart in Kontakt zu bringen: Mutig, zeitgemäß, vielgestaltiger als früher und vor allem ohne Berührungsängste. Offen und gastfreundlich.

Lust auf Gemeindeleben wecken

Es gilt, wieder Lust auf Gemeindeleben zu wecken. Der Politikwissenschaftler Erik Flügge betont, dass positive Kirchenerlebnisse vor Ort entscheidend dafür sind, dass Menschen sich gerne engagieren. Ein lebendiges Gemeindeleben sollte sich offensiv nach außen erzählen. Pfarrgemeinderäte können und müssen nicht die globalen Probleme der Weltkirche lösen; die ständige Beschäftigung mit konfliktbeladenen Themen nimmt den Ehrenamtlichen oft die Freude. Vielmehr sollte man den Mitgliedern sagen, dass sie vielleicht nicht den „ganzen Laden“ retten, aber es hinkriegen, ein großartiges Fest zu feiern, Räume für Kinder und Jugendliche offen zu halten oder eine Themenwoche zu organisieren. „Wir reden gut über uns“ könnte daher eine leitende Devise für die gesamte Amtszeit sein.

Wohin wird die gemeinsame Reise gehen?

Wohin die Reise letztlich führt, entscheiden die Lebensfragen der Menschen, die der eigentliche Stoff gemeindlicher Projekte sind. Kardinal Reinhard Marx mahnte, dass eine Gemeinde ohne Ausrichtung auf die „Wunden der Welt“ nicht glaubwürdig feiern kann. Ein kreativer Umgang mit Not und Ungerechtigkeit vor Ort ist gefragt – das kann durchaus politisch werden, im Blick darauf, was in unseren Pfarreien an Not, schwierigen Familiensituationen oder unreflektiertem Umgang mit der Schöpfung existiert. Dabei werden im PGR stets unterschiedliche Pole aufeinandertreffen: Personen, die um den Erhalt der Tradition besorgt sind, und solche, die den Wandel aktiv gestalten wollen. Die stabilen Grundlagen dafür sind Beteiligung, Sichtbarkeit, Vielfalt sowie Offenheit für Erneuerung.

„Was er euch sagt, das tut“ – Mit biblischem Rat in die Zukunft

Könnte für die Arbeit im Pfarrgemeinderat die biblische Erzählung von der Hochzeit zu Kana aus dem Johannes-Evangelium ein Leitbild sein? Die Ausgangssituation ist bekannt: Der Bräutigam hat die Lage falsch eingeschätzt. Die Weinreserven reichen nicht aus. In dieser scheinbar ausweglosen Situation zeigen sich verschiedene Haltungen und Phasen, die auch für die Arbeit im Pfarrgemeinderat wichtige Impulse bieten.

Erste Phase: Es braucht Menschen, die aufmerksam auf ihr Umfeld und dessen Veränderungen blicken. Im biblischen Text ist es Maria. Sie sieht was los ist, bringt die Not zur Sprache und zeigt Initiative – ein Vorbild dafür, wie notwendig Beobachtungsgabe auch in schwierigen Situationen ist.

In der zweiten Phase steht der Blick in die Zukunft im Mittelpunkt. Es braucht Menschen, die Mut machen, auch scheinbar sinnlose Aufgaben wie das Wassertragen zu übernehmen, und solche, die erkennen, dass und wie leere Krüge neu genutzt werden können. Danach folgt die dritte Phase: Die Zeit des neuen Weins. Sie bricht unerwartet an, nachdem die Phase des Übergangs und des scheinbar mühsamen Wassertragens überwunden ist. Der neue Wein schmeckt besser als der vorherige. Zeichen dafür, dass aus Herausforderung und Wandel Gutes entstehen kann.

Dort, wo das Fest zu Ende zu gehen scheint, beginnt es neu. Das ist möglich, weil Jesus anwesend ist und alles zum Guten wendet. Es liegt aber auch an den Menschen, die sich engagieren, nicht resignieren, mutig Initiative ergreifen und offen für neue Wege sind – und die die Phase des Wassertragens nicht von vornherein abwerten. Wenn sich die Pfarrgemeinderäte am Rat Marias im Blick auf Jesus orientieren („Was er euch sagt, das tut“), wenn sie außerdem die Vielfalt und Fülle ihrer gottgeschenkten Begabungen wertschätzen und einbringen, dann werden auch künftig die Krüge für die Feste des Lebens im Angesicht Gottes reichlich gefüllt sein – nicht nur in Zeiten des Überflusses, sondern gerade auch in Momenten der Herausforderung.

Zum Thema des Neuanfangs hat die Diözese Würzburg Videos erstellt:

Neuanfang


Kennenlernen


Sozialraumorientierung


Verfasst von:

Anna Hennersperger

Theologin, Supervisorin und Coach, Passau