Ausgabe: Mai-Juni 2026
InterviewPraxis, Auftrag, Wirkung
Die ersten 100 Tage: klug konstituieren, Schwerpunkte setzen, sichtbar kommunizieren
Richard Ulrich, Leiter der Stabsstelle „Räte und Gremien“ im Bistum Eichstätt, spricht mit Gemeinde creativ über Auftrag und Zuständigkeiten von Pfarrgemeinderäten (PGR), produktive Zusammenarbeit mit PGR und Kirchenverwaltung, wirksame Sitzungsformate, Beteiligungskultur und den Umgang mit Konflikten von Baumaßnahmen bis Strukturreformen.
Gemeinde creativ: Was sind für Sie die drei wichtigsten Aufgaben für neu gewählte Pfarrgemeinderäte in den ersten 100 Tagen?
Richard Ulrich: Zuerst geht es natürlich um die ordnungsgemäße Konstituierung. Der Vorsitz muss gewählt werden, weitere Mitglieder können berufen werden, es braucht eine klare Rollenverteilung und Zuständigkeiten müssen so früh wie möglich geklärt werden. Das sorgt für Struktur und Klarheit, was in den ersten Monaten sehr wichtig ist. Gleichzeitig müssen die Delegierten der Pfarrgemeinderäte auf Dekanats- und Verbundsebene benannt werden, um sicherzustellen, dass diese Gremien auch schnell arbeiten können.
Dann muss das Pastoralkonzept gesichtet und überprüft werden. Welche Ziele sind noch relevant, was muss angepasst werden? Diese Überprüfung ist nicht nur wichtig, um den Status quo zu erhalten, sondern auch, um sicherzustellen, dass wir als Kirche in unserer Aufgabe, Glauben und Leben zusammenzubringen, noch wirksam sind.
Schließlich geht es darum, die Schwerpunkte festzulegen. Der PGR sollte zu Beginn klären, was die wesentlichen Themen für die nächsten Jahre sind. Wer auf allen Hochzeiten tanzt, wird gar nichts auf die Reihe bekommen. Daher ist es wichtig, Prioritäten zu setzen und sich auf die Fragen zu konzentrieren, die die Gemeinde aktuell beschäftigen und die von den Mitgliedern auch mitgetragen werden.
Wo entstehen bei neuen Gremien häufig Missverständnisse über Auftrag und Zuständigkeiten?
Ein häufiges Missverständnis ist die Auffassung, der PGR sei nur ein beratendes Gremium. In Wirklichkeit hat der PGR aber auch ein beschließendes Mandat. Das bedeutet, der PGR ist aktiv in Entscheidungsprozesse eingebunden — nicht nur als Berater, sondern auch als verantwortliches Organ. In vielen Gemeinden wird die Kirchenverwaltung oft mit der eigentlichen Entscheidungskompetenz gleichgesetzt. Das führt dann zu Missverständnissen und zu einer unnötigen Entmachtung des PGR. Die Zuständigkeiten müssen hier klar kommuniziert werden, damit der PGR seine gestaltende Rolle wirklich wahrnehmen kann. Der PGR ist kein „Abnickgremium“, sondern kann aktiv gestalten.
Was ist der Kernauftrag eines Pfarrgemeinderats?
Der Kernauftrag eines PGRs ist es, die Belange der Gemeinde vor Ort zu vertreten und zu gestalten. Es geht darum, das Ehrenamt zu unterstützen, die Mitverantwortung der Mitglieder zu fördern und zu gewährleisten, dass sich möglichst viele Menschen in der Gemeinde aktiv einbringen. Der PGR ist kein Verwaltungsorgan, sondern ein Gestaltungs- und Vernetzungsgremium. Dazu gehört auch, dass der PGR die verschiedenen Gruppen und Kräfte in der Gemeinde zusammenbringt, um miteinander zu arbeiten und Lösungen zu finden. Der PGR gibt den Rahmen für die Ausrichtung der Gemeindearbeit vor, ohne die Arbeit an der Basis zu übernehmen. Der PGR ist ein echtes Leitungsgremium, das die Richtung bestimmt und Verantwortung übernimmt.
Wie gelingt die Zusammenarbeit mit dem PGR und der Kirchenverwaltung, ohne dass Rollen verschwimmen?
Die Zusammenarbeit gelingt, wenn in beiden Gremien ein Grundkonsens da ist, wohin sich die Gemeinde entwickeln soll. Es muss klar sein, dass die Kirchenverwaltung den finanziellen Rahmen gibt, den der PGR braucht, um gut arbeiten zu können. Beide Gremien müssen ihre jeweilige Verantwortung klar wahrnehmen und in guter Kommunikation gemeinsam die Herausforderungen gestalten. In kleinen Gemeinden kann das Zusammenspiel sehr eng und unkompliziert sein, in größeren Pfarreien braucht es klare Kommunikationsstrukturen. Ich plädiere mittelfristig für eine Vereinigung beider Gremien — nicht nur wegen der Effizienz, sondern auch, weil die Bündelung der Aufgaben – Finanzen und Pastoral – die Arbeit des PGR einerseits erdet, andererseits der Arbeit der Kirchenverwaltung eine pastorale Zielrichtung gibt. Kooperation zwischen den beiden Gremien ist sehr bereichernd und für die Gestaltung der Gemeindearbeit unentbehrlich.
Welche Haltungen und Kompetenzen machen Pfarrgemeinderäte besonders wirksam?
Der Schlüssel liegt in der Mitverantwortung und der Bereitschaft, Kompetenzen einzubringen. Es geht nicht nur darum, „dabei zu sein“, sondern aktiv mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen. Mitglieder sollten ihre beruflichen und persönlichen Erfahrungen einbringen und diese nicht an der „Kirchentür“ abgeben. Die Kompetenz im Umgang mit Menschen, Fachkompetenz in Kommunikation, Moderation oder Projektmanagement kann dem Gremium erheblich dabei helfen, seine gestaltende Rolle auszufüllen. Der PGR sollte auch eine aktive Rolle im Dialog mit den anderen Gremien und der Gemeinde insgesamt einnehmen. Eine wichtige Fähigkeit ist es, unterschiedliche Milieus anzusprechen und über die eigenen Grenzen hinweg zu denken. Wenn der PGR in dieser Hinsicht erfolgreich ist, wird er zu einem wirksamen Instrument für die Gestaltung der Gemeindearbeit.
Welche Sitzungs- und Entscheidungsformate bewähren sich?
Die klassischen Abendsitzungen haben sich leider oft als überladen und wenig produktiv erwiesen. Der Schlüssel zu effektiven Sitzungen liegt in einer guten Vorbereitung. Entscheidungsrelevante Themen müssen klar definiert und strukturiert aufbereitet werden, damit die Sitzungen fokussiert und zielgerichtet verlaufen. Ein jährlicher Klausurtag ist sehr wichtig, um mittelfristige Ziele festzulegen, Strategien zu entwickeln und Fortschritte zu überprüfen. Wenn es die Größe der Pfarrei zulässt, können Arbeitsgruppen oder Sachausschüsse helfen, die Aufgaben zu teilen und spezifische Themen intensiver zu bearbeiten. Die Sitzungen müssen klare Endzeiten haben, um die Erschöpfung zu vermeiden, die oft dazu führt, dass nichts mehr entschieden wird. Der Schlüssel ist eine strukturierte Arbeitsweise und die Bereitschaft, die Arbeit des PGR auch effektiv zu delegieren.
Was hilft Ihrer Erfahrung nach, um Beteiligung in der Gemeinde zu erhöhen?
Wie immer liegt der Schlüssel in der Kommunikation. Die Themen, die Entscheidungen und die Begründungen müssen in der gesamten Gemeinde transparent gemacht werden. Aushang, Gottesdienst, Webseite, Social Media — es gibt viele Kanäle, die genutzt werden können, um die Gemeindemitglieder zu erreichen und ihre Meinungen einzuholen. Der PGR sollte sich der Möglichkeit bedienen, Sprechstunden anzubieten und die Sitzungen öffentlich zu halten. Das erhöht nicht nur das Vertrauen, sondern ermöglicht es auch, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen mitentscheiden. Ein transparenter, offener Dialog ist der beste Weg, um die Beteiligung der Gemeinde zu steigern.
Welche drei Lehren würden Sie neu gewählten Pfarrgemeinderäten mitgeben?
Erstens: Schaut auf Euch und Eure Stärken — baut darauf und nutzt Eure vorhandenen Fähigkeiten.
Zweitens: Nehmt Euch am Anfang Zeit für klare, attraktive Ziele — ohne diese bleibt der PGR im Abarbeiten stecken.
Drittens: Sucht Euch in Konflikten frühzeitig Beratung, sei es intern oder extern. Wenn Streitigkeiten sich zu lange ziehen, lähmen sie die gesamte Arbeit.
Richard Ulrich ist Leiter der Stabsstelle „Räte und Gremien“ im Bistum Eichstätt. Zugleich ist er Geschäftsführer des Diözesanrats im Bistum Eichstätt. Diese Aufgabe übernahm er 2003, zuvor war er Pastoralreferent in Nürnberg und Gunzenhausen. Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem die Beratung und Unterstützung der Pfarrgemeinderäte im Bistum. Er ist verantwortlich für die Durchführung der Pfarrgemeinderatswahlen.