Ausgabe: Mai-Juni 2026
SchwerpunktDer Blick auf das Du
Verehrte Leserinnen und Leser,
liebe Schwestern und Brüder,
es fällt mir leicht, das Engagement Ehrenamtlicher in unserer Kirche hervorzuheben. Insbesondere vor dem Hintergrund der gerade durchgeführten Pfarrgemeinderatswahlen stelle ich gerne fest, dass meine bisherigen Erfahrungen mit Pfarrgemeinderat und ehrenamtlichem Engagement als Kaplan, als Pfarrer und auch als Bischof durchwegs positiv waren.
Die Arbeit so vieler Menschen unterschiedlichen Alters in unseren Kirchenverwaltungen, Pfarrgemeinde-, Seelsorgebereichs- und Diözesanräten, in den verschiedenen Sachausschüssen, Verbänden und Vereinen und auch in spontanen Beiträgen macht unsere Kirche weit und lebendig. Niemals könnte diese bunte Vielfalt allein durch den Einsatz Hauptamtlicher erreicht werden. Gott hat eine Vielzahl unterschiedlicher Charismen unter den Menschen verteilt. Es ist eine wichtige und fordernde Aufgabe der Verantwortlichen in der Pastoral, allen voran des geistlichen Amtes, diese Charismen zu entdecken und zu fördern, aber auch dafür zu sorgen, dass sie sich nicht gegenseitig blockieren und behindern, sondern aufeinander bezogen bleiben. Alles muss dem einen Ziel dienen: Dass die Frohe Botschaft vom Reich Gottes die Menschen auch heute und morgen erreicht. Dafür feiern wir Liturgie; dazu verkünden wir Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unseren christlichen Glauben; das ist der innerste Antrieb für unser sozial-caritatives Wirken; deswegen pflegen wir Gemeinschaft, vernetzen uns miteinander und wissen uns in die große Glaubensgemeinschaft der weltumspannenden Kirche eingebunden.
Immer wieder durfte ich erleben, wie hervorragende Ideen Ehrenamtlicher in all diesen Bereichen positive Früchte hervorgebracht haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Kirche kann nur dann lebendig bleiben und ihren Auftrag erfüllen, wenn sich möglichst viele verantwortlich fühlen und engagieren. Das gilt nicht nur heute, weil immer weniger Menschen als Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Religionslehrkräfte zur Verfügung stehen, sondern grundsätzlich immer. Ich möchte sogar sagen: Würde die Kirche nur durch Hauptamtliche am Laufen gehalten werden, wäre sie bereits klinisch tot – selbst dann, wenn alle Stellen besetzt werden könnten.
Gerade im Bereich der Liturgie wird das besonders deutlich. Wenn die Menschen im Gottesdienst nur als passive Konsumenten anwesend sind, niemand mitsingt und mitbetet, dann hilft alle perfekte und professionelle Performance nichts: Es wird keine liturgische Feier daraus. Auf jede und jeden Einzelnen kommt es an, damit sich der Raum der Begegnung mit dem lebendigen Gott für den Einzelnen öffnen kann. Und was für die heilige Liturgie gilt, das gilt für die Kirche insgesamt.
Damit das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamtlichen gelingt, braucht es Interesse füreinander und Respekt voreinander. Weder beim ehren- noch beim hauptamtlichen Engagement darf es in erster Linie um mich und meine Bedürfnisse gehen. Es braucht vor allem den Blick auf das Du, den Blick über den eigenen Kirchturm hinaus, hin zu den Menschen im Pfarrverband, im Dekanat, in der Diözese, ja in der weltweiten Kirche. Und immer auch hin zu denen, die sich zwar außerhalb kirchlicher Strukturen angesiedelt sehen, aber natürlich dennoch von Gott mit Charismen beschenkt und guten Willens sind.
Es gibt also jede Menge zu tun – mit Gottes Hilfe geht es voran!