Ausgabe: Mai-Juni 2026
Katholisch in Bayern und der WeltSie beten für den Frieden
Überall in Bayern setzen Menschen in unfriedlichen Zeiten auf die Kraft des Gebets
Die Kochsendung geht. Die Komödie. Vielleicht sogar ein Krimi. Oder besser doch nicht. Zu viel Gewalt. Auf jeden Fall: Keine Nachrichten. Bloß nicht wieder hören, wo Krieg tobt. Wo Menschen getötet werden. Viele Bürgerinnen und Bürger denken dieser Tage so. Sie versuchen, sich abzuschotten. Das in der Welt angerichtete Leid auszublenden. Doch nicht alle tauchen ab: In nicht wenigen Pfarreien treffen sich Menschen unverdrossen zum gemeinsamen Friedensgebet. Zum Beispiel in Kaufbeuren.
Dort wurde 2015 im Zusammenhang mit der Ankunft vieler Flüchtlinge das Friedensgebet „Jeden siebten um sieben” organisiert. „Das geschah im ökumenischen Schulterschluss”, erzählt Pfarrer Bernhard Waltner von der Kaufbeurener Pfarreiengemeinschaft. Am siebten jeden Monats wird um 19 Uhr für eine halbe Stunde für Frieden gebetet. Manchmal nehmen 20 Menschen teil: „Manchmal sind es auch 100.” Das Gebet findet immer an unterschiedlichen Orten statt. Manchmal in der katholischen Pfarrkirche St. Thomas Hirschzell. Manchmal im Crescentiakloster. Dann wieder in der altkatholischen Christi-Himmelfahrt-Kirche oder in der St. Raphael-Kapelle im Klinikum.
Frieden ist das Kriterium schlechthin für ein gutes Leben. Im Krieg ist gutes Leben unmöglich. „Frieden ist Geschenk und Auftrag zugleich”, sagt Pfarrer Bernhard Waltner. Vor allem die vergangenen Jahre zeigten, wie brüchig der Frieden ist. Und wie wichtig es ist, dass sich Christen immer wieder auf die Kernbotschaft „Frieden” der Bibel besinnen und inmitten einer kriegerischen Welt beharrlich Hoffnungszeichen setzen.
Unter dem Leitmotiv „Frieden” werden in Kaufbeuren einmal im Monat ganz unterschiedliche Angebote gestaltet, je nachdem, wer gerade an der Reihe ist, Texte und Musik auszusuchen. Das hält das Format lebendig. Bei besonderen Anlässen gibt es Zusatzangebote, zu denen oft zahlreiche Menschen kommen. „Als der Ukraine-Krieg ausbrach, organisierten wir mitten in der Stadt ein ökumenisches Friedensgebet, da waren mehrere hundert Leute da”, erzählt der Theologe. Man habe gespürt, wie groß das Bedürfnis ist, sich zusammenzufinden und zu versuchen, der Rat- und Sprachlosigkeit gemeinsam Ausdruck zu geben.
Die Erfahrung zeigt, dass man sich, was den Frieden anbelangt, nicht auf die Regierung oder die Politik verlassen darf. Im Gegenteil: Es ist letztlich die Politik, die in Kriege treibt. Das hängt laut Bernhard Waltner damit zusammen, dass Politiker „in Machtspiralen gefangen” sind. Das zu sehen, könnte frustrieren. Doch der Priester, der sich intensiv mit dem Krieg im Nahen Osten auseinandersetzt, weil er viele Freunde in Israel und Palästina hat, will nicht beim Frust stehen bleiben: „Es ist immer möglich, Hoffnungszeichen zu setzen.” Für ihn gilt außerdem der Satz: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.”
75 Millionen Tote
Im Zweiten Weltkrieg sollen nach Angaben des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr insgesamt ertwa 75 Millionen Menschen ums Leben gekommen sein. Eine unfassbare Zahl. Es gibt denn auch kaum eine Familie, die keine Kriegsgeschichte erzählen könnte. „Bei uns allerdings war ‘Krieg’ ein Tabuthema“, sagt Reinhold Schwegler, Mesner der St.-Jakobus-Kirche in Gersthofen. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ist Frieden für den 62-Jährigen ein wichtiges Thema. In Gersthofen gibt es seit Ausbruch des Ukrainer-Kriegs ein alle zwei Wochen stattfindendes Friedensgebet: „Ich war von Anfang an dabei.”
Beseelt ist das Friedensgebet in Gersthofen vom Glauben an einen Gott, der Frieden will, und vom Glauben an die Macht des Gebets. „Das Gebet kann Herzen verändern”, unterstreicht Gersthofens Pfarrer Markus Dörre. Es verändert das Herz jener, die beten: „Aber ich glaube, wird für den Frieden gebetet, dass das auch darüber hinaus etwas anstoßen kann.” Auf jeden Fall spenden Friedensgebete Kraft. Das sei wichtig in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl hätten, die schlimmen politischen Entwicklungen hilflos hinnehmen zu müssen.
Eben, weil es noch sichtbare Spuren der längst noch nicht verheilten Wunde des Zweiten Weltkriegs gibt, ist es im Grunde kaum zu fassen, wie wenige Menschen sich aktuell für Frieden einsetzen. „Auch bei uns bemerkt man Ermüdungserscheinungen”, gibt Markus Dörre zu. Oft kommen nur noch etwa 20 Menschen zum Friedensgebet, das von einem siebenköpfigen Team, bestehend aus katholischen und neuapostolischen Christen, vorbereitet wird. Um mehr Menschen anzulocken, wird derzeit darüber nachgedacht, das Friedensgebet an andere Orte zu verlagern.
Kirchengebäude, so des Pfarrers nüchterne Einschätzung der Lage, sind heute keine „Magneten” mehr. Vielleicht würde das Interesse wachsen, würde man das Friedensgebet hin und wieder auf dem Rathausplatz veranstalten. Die Stadt Gersthofen verfügt über ein Begegnungszentrum. Auch dort wäre es in Markus Dörres Augen denkbar, gemeinsam für Frieden zu beten. Außerdem könne man überlegen, sich am Nachhaltigkeitsfestival der Stadt Gersthofen zu beteiligen. Frieden hat angesichts der immensen Umweltzerstörungen ja auch viel mit Umweltschutz zu tun.
Erst Soldat, dann Priester
In Amberg hat Pfarrer Alois Berzl mit einem der bekanntesten Heiligen etwas Bedeutendes gemein: Wie St. Martin war er zunächst Soldat, und zwar sieben Jahre lang, bevor er begann, Theologie zu studieren, und schließlich Priester wurde. Was Krieg bedeutet, weiß Alois Berzl darum noch besser als die meisten seiner Amtsbrüder. Zumal er Militärpfarrer wurde. 2005 ging er für ein halbes Jahr nach Kabul in Afghanistan. Eben weil er den Krieg aus nächster Nähe kennt, ist es für ihn so wichtig, sich für Frieden einzusetzen.
Dass Menschen am Sinn von Friedensgebeten zu zweifeln beginnen, nachdem das kriegerische Geschehen auf der Welt nicht nachlässt, kann der Priester gut verstehen. Er selbst jedoch ist überzeugt: Es ist sinnvoll und es ist wichtig, für Frieden zu beten. Das Gebet sei grundsätzlich dann von Bedeutung, wenn der Mensch an seine Grenzen gerät. Am Ende von fast jedem Gottesdienst am Samstagvorabend und am Sonntagmorgen wird in Amberg das aktuelle ökumenische Friedensgebet des Weltmissionssonntags gesprochen. 2025 wurde es vom Seelsorgeteam des Myanmar Institute of Theology formuliert.
Schwester Marie Odette Baomazava aus Madagaskar ist Autorin des ökumenischen Friedensgebets 2026. „Inmitten der Konflikte, die Nationen spalten, / inmitten des Hasses, der Völker gegeneinander aufbringt, / inmitten der Kriege, die unschuldiges Blut vergießen, rufen wir dir zu: / Lass dein Licht des Friedens in unsere Welt scheinen!“, schreibt sie. Bis zu 250 Gläubige sprechen dieses Friedensgebet zum Abschluss der beiden Gottesdienste in Amberg. Einmal im Jahr gibt es außerdem einen Friedenslichtgottesdienst.
Natürlich steht in allen Pfarreien Weihnachten im Zeichen des Friedens. „Und auch die Sternsinger sind ein Friedensprojekt“, sagt Alois Berzl. Darüber hinaus können Glocken ein Friedenszeichen senden. Dafür setzt sich der evangelische Pfarrer Holger Bartsch ein. Von Chemnitz aus engagiert er sich für das bundesweite Projekt „Friedensläuten”. „Glocken sind mit ihrem weit wahrnehmbaren Klang ein Ruf zum Gebet für Frieden”, sagt er. Gleichzeitig plädiert er für eine „versöhnliche Erinnerungskultur”: „Schweigen und Verdrängen sind dominant, doch so wirken Traumata weiter und verhindern die Freude an der Gegenwart.”