Ausgabe: Mai-Juni 2026

Ökumene

Die Ökumenische Wärmestube Nürnberg

Ein Moment der Wärme und Gemeinschaft: Trotz der harten Lebensrealitäten finden Menschen in der Wärmestube nicht nur eine Mahlzeit, sondern auch einen Ort der Begegnung und des Austauschs. Foto: Sarah Weiss

Unsichtbare Menschen werden sichtbar

Etwa 2.600 Menschen sind in Nürnberg obdachlos. Ihnen fehlen oft die selbstverständlichsten Dinge: eine heiße Dusche, eine Tasse Kaffee am Morgen und eine warme Mahlzeit am Abend. In der Ökumenischen Wärmestube Nürnberg bieten die Stadtmission Nürnberg, die Caritas Nürnberg und die Stadt Nürnberg bereits seit mehr als 40 Jahren wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen einen Ort, an dem sie diese Dinge erhalten.

Manuela Bauer ist Sozialpädagogin und seit zehn Jahren Einrichtungsleiterin der Ökumenischen Wärmestube Nürnberg. Täglich versorgt sie mit ihrem 18-köpfigen Team 150 bis 250 Menschen, überwiegend Männer. Das Angebot der Wärmestube steht vor allem der Versorgung obdachloser Menschen im Mittelpunkt. Das bedeutet, dass die Wärmestube an vier Tagen die Woche, jedes Wochenende und an Feiertagen geöffnet ist und von morgens bis zum frühen Abend Essen, eine Duschmöglichkeit, eine Waschmaschine oder einfach die Möglichkeit eines kostenfreien Toilettenbesuchs bietet. Die Ökumenische Wärmestube ist aber nicht nur ein Zufluchtsort, sondern auch ein Treffpunkt. Hier können sich Menschen austauschen oder ihre Ruhe genießen. Vor Ort gibt es Spiele, Zeitschriften, Bücher und eine Tischtennisplatte. Außerdem finden regelmäßig Ausflüge statt. „Zudem bieten wir Postadressen an“, erklärt Manuela Bauer. „Das heißt, man kann sich über die Wärmestube als erreichbar registrieren lassen. Diese Erreichbarkeit bedeutet, dass man Leistungen beantragen kann, sofern man leistungsberechtigt ist. Man kann seine Angelegenheiten regeln und mit der Familie in Kontakt bleiben.“ Der Beratungsbereich ist damit verzahnt. Hier arbeiten vier Sozialpädagoginnen, die psychosoziale Beratung jeder Couleur anbieten: Suchtberatung, Beratung in psychischen Krisen, Beratung zur Schuldenregulierung, zum Leistungsanspruch oder sehr häufig auch im Bereich Aufenthaltsrecht. Zusätzlich besuchen Streetworkerinnen und Streetworker die Plätze, an denen Menschen ohne Wohnung übernachten, sprechen mit ihnen und erzählen von der Wärmestube. Oder sie besuchen Klientinnen und Klienten im Gefängnis und im Krankenhaus. Sie halten weiter Kontakt und lassen die Menschen nicht allein.

Die Schicksale ihrer Klientinnen und Klienten seien extrem unterschiedlich, erzählt Manuela Bauer. Viele der Menschen, die in die Wärmestube kommen, sind Migrantinnen und Migranten, die nach Deutschland gekommen sind, um hier ein neues Leben zu beginnen. Oder es sind ältere Menschen, die schwere Schicksalsschläge und viele Jahre auf der Straße hinter sich haben. Viele von ihnen haben psychische und körperliche Erkrankungen davongetragen. „Wir sehen auch sehr viele Amputationen, weil das Leben auf der Straße häufig dazu führt“, sagt Manuela Bauer.

Überlebenshilfe unter ökumenischer Trägerschaft

Die Wärmestube hat eine ökumenische Trägerschaft, da bereits bei ihrer Eröffnung im Jahr 1984 die Auffassung vertreten wurde, dass es ein allgemeinkirchlicher Auftrag sei, Obdachlosen eine Anlaufstelle zu bieten, erzählt Manuela Bauer. Aufgrund der steigenden Anzahl an zu versorgenden Menschen gebe es für geistliche Begleitung dennoch nur wenig Raum. „Was wir hier leisten, ist Überlebenshilfe. Zu uns kommen Menschen, die auf der Straße leben und ganz oder teilweise in Notunterkünften übernachten. Da bleibt wenig Kraft, um sich andere Gedanken zu machen.“ Bis vor fünf Jahren gab es noch gemeinsame Gottesdienste, als die Wärmestube auch für Menschen geöffnet war, die in Obdachlosenpensionen oder städtischen Unterkünften lebten. Aufgrund des großen Bedarfs musste das Angebot jedoch auf Menschen „auf Platte“ beschränkt werden – und das, obwohl es mittlerweile eine zweite Wärmestube in Nürnberg gibt.

Ein warmes Lächeln und eine helfende Hand: In der Ökumenischen Wärmestube Nürnberg wird nicht nur für warme Mahlzeiten gesorgt, sondern auch für den persönlichen Kontakt, der den Menschen ein Stück Würde zurückgibt. Foto: Sarah Weiss

Es gebe durchaus Klienten, die Manuela Bauer bereits seit Jahren kennt, weil der Sprung in die eigenen vier Wände für viele aufgrund ihrer Biografie schwierig sei. Abgesehen davon lasse es der Wohnungsmarkt quasi kaum zu: „Wir haben da mehr oder weniger kaum Durchlässigkeit für Menschen, die Hemmnisse mitbringen, also die am Wohnungsmarkt eben nicht Kandidat 1 oder 2 sind. Diese Menschen finden in der Regel keine Wohnung. Wenn, dann sind es häufig betreute Wohnungen oder Obdachlosenpensionen. Diese werden Betroffenen, wenn sie einen Leistungsanspruch haben, dann bezahlt.“ Auch der teure Wohnraum in der Stadt erschwert die Wiedereingliederung der Betroffenen in ein reguläres Wohnverhältnis.

Man müsse sich dieser Realität stellen: „Ich nehme die Leute nicht mit heim, weder im übertragenen noch im direkten Sinne.“ In einer professionellen Beratungssituation macht sie selbstverständlich immer wieder ein Beziehungsangebot. „Ich sage aber auch, wo die Grenzen sind und wo die Leute selbst tätig werden müssen, um ihre Ansprüche, Pläne und Zielsetzungen mit der Realität in Einklang zu bringen.“

 Unsichtbare Menschen sichtbar machen

Gerade in den wohlhabenderen bayerischen Städten gebe es für Nichtbetroffene kaum Berührungspunkte mit obdachlosen Menschen. Und genau das sei für die Betroffenen das Schlimmste, betont Manuela Bauer: „Menschen gehen an Obdachlosen in der Regel vorbei, suchen keinen Blickkontakt, schauen jemanden nicht an, immer mit der Angst, man könne vielleicht angebettelt werden oder Ähnliches. Man will das Elend, das es in Deutschland eben auch gibt, nicht sehen. Insofern sind obdachlose Menschen häufig nicht sichtbar in der Gesellschaft. Man sieht sie zwar irgendwo liegen, aber sie empfinden sich als Person meist als unsichtbar.“

Die Menschen sichtbar zu machen, versteht sie als die Hauptaufgabe ihrer Einrichtung. „Wir sind immer da. Wir sind auch für denjenigen da, der mit drei Promille aufschlägt, Drogen konsumiert oder nicht Herr seiner Sinne ist, weil er eine Psychose hat. Wir machen diesen Menschen ein Beziehungsangebot, sehen sie, sprechen mit ihnen und schauen, welche Möglichkeiten es gibt. Menschen finden hier Wärme im ganz wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn.“

Dafür wurde die Ökumenische Wärmestube 2025 mit dem Caritas-Pirckheimer-Preis ausgezeichnet. In ihrer Laudatio betonten Marica Münch und Martin Stammler von der Akademie CPH: „Wir als katholische Bildungseinrichtung sind besonders dankbar für den ökumenischen Ansatz und die gelebte Solidarität mit diesen von Armut betroffenen Menschen. Wir sind dankbar dafür, dass die Ökumenische Wärmestube mutig und stetig an dieser großen Herausforderung dranbleibt, denn die Rahmenbedingungen und Ressourcen sind oft nicht ausreichend. Und dafür, dass die Wärmestube gerade jetzt solidarisch bleibt mit den Menschen ohne Obdach, in einer Zeit, in der die Solidarität in unserer Gesellschaft erodiert und der Egoismus überhandnimmt.“ Auch für Manuela Bauer ist die gesellschaftliche Dimension ihrer Einrichtung klar: „Es gibt immer mehr obdachlose Menschen in Deutschland, auch hier in Nürnberg. Sie zeigen uns grundlegende gesellschaftliche Probleme auf, um die wir uns alle kümmern müssen.“


Verfasst von:

Sarah Weiß

Freie Autorin