Ausgabe: Mai-Juni 2026
SchwerpunktMitgestalten statt Zuschauen
Ob Stadtpfarrei oder Landgemeinde – viele katholische Pfarrgemeinden fragen sich derzeit, welche Rolle sie noch im öffentlichen Leben spielen: Sind sie nur Gottesdienstgemeinschaft oder auch aktive Mitgestalter ihres Gemeinwesens?
Angesichts von demografischem Wandel, kultureller Vielfalt, ökologischen und sozialen Herausforderungen sowie sinkendem religiösem Interesse und knapper werdenden Ressourcen wird diese Frage immer drängender – und gerade darin könnte auch eine Chance liegen.
Ein säkulares Umfeld positiv überraschen
Entscheidend ist die Haltung der Verantwortlichen: Gehen wir offen auf Menschen außerhalb der Pfarrei zu oder bleiben wir lieber unter uns? In einer Zeit, in der viele mit Kirche und Glauben wenig anfangen können und bisweilen sogar von Kirche nichts mehr erwarten, halte ich es für sinnvoll, Außenstehende positiv mit dem zu überraschen, was eine Pfarrgemeinde bietet. Voraussetzung dafür ist, dass Pfarrer sowie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende sich über das eigene Profil und zentrale Fragen der Gemeinde klar werden.
Warum Kirche sich nach außen wenden sollte
Die Frage ist unbequem, aber notwendig: Was würde unser Ort vermissen, wenn es unsere Pfarrei morgen nicht mehr gäbe? Das Glockenläuten, das Pfarrfest oder vielleicht gar nichts? Wer sich mit solchen Fragen ehrlich auseinandersetzt, spürt schnell: Es geht um mehr als um Veranstaltungspläne und Gremiensitzungen. Es geht um das Selbstverständnis von Kirche.
Kirche ist kein Verein unter vielen
Kirche ist nicht bloß Anbieterin religiöser Dienstleistungen. Sie bezeugt vielmehr die Nähe Gottes in dieser Welt und teilt „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“. So lesen wir es im Zweiten Vatikanischen Konzil und es versteht sich als Auftrag. Kirche kann sich nicht aus den sozialen und gesellschaftlichen Realitäten heraushalten. Gott wird dort konkret, wo Kirche konkret und glaubwürdig wird.
Kirche sollte sich daher nicht nur von der Liturgie und ihrer Binnenstruktur verstehen, sondern ihre Sendung im Blick haben. Und Sendung geschieht immer konkret – in Stadtteilen, Dörfern, Sozialräumen.
Stadtpfarrei: Präsenz im Sozialraum
In der Stadt sind Pfarreien eingebettet in ein dichtes Netz aus Einrichtungen, Initiativen und sozialen Diensten mit ihren vielfältigen und dynamischen Angeboten. Hier geht es vor allem um folgende Fragen:
Wo können wir als Kirche sinnvoll mitarbeiten?
Wo passen wir mit unserem Profil dazu?
Und wo können wir mit überschaubarem Einsatz einen Unterschied machen?
Kirche bringt eigene Ressourcen ein: Räume, Ehrenamtliche, spirituelle Kompetenz und Werteorientierung. Sie kann Dialogräume eröffnen, soziale Projekte unterstützen oder kulturelle Angebote ermöglichen. Kooperation bedeutet dabei nicht, kommunale Aufgaben zu übernehmen, sondern Verantwortung zu teilen.
Kirche versteht sich als Teil eines komplexen Sozialraums. Armut, Einsamkeit, kulturelle Vielfalt – all das gehört zur Wirklichkeit um uns herum.
Beispiele:
- Kontakte zu den politischen Parteien im Stadtviertel, Einladung zu gelegentlichen Sitzungen der Parteigremien im Pfarrheim.
- Kontakte zum Senioren-/Pflegeheim im Stadtviertel, möglicherweise Besuche der Senioren dort oder Besuche von Kindergruppen im Heim.
- Kirche wird werktags als „Raum der Stille“ geöffnet.
- offene Sprechstunde einmal die Woche im Pfarrheim für Menschen in prekären Lebenslagen, vorher: Abstimmung mit dem Sozialamt (bedeutet keine Sozialarbeit, Kirche bietet aber Raum, Atmosphäre und bei Bedarf ehrenamtliche Begleitung an).
Ländliche Pfarrei: Nähe und Identität
Im ländlichen Raum ist Kirche oft tief mit der Ortsgeschichte verbunden und bei Festen, Traditionen und persönlichen Beziehungen in das Miteinander eingebunden. Doch auch hier verändern sich Strukturen: weniger junge Familien, mehr Mobilität, schwindende Bindung an Kirche und Vereine.
Die entscheidende Frage lautet: Wollen wir nur bewahren – oder stellen wir uns den Veränderungen und gestalten auch mit?
Die Stärke ländlicher Pfarreien liegt in ihrer Nähe und bewährten Verlässlichkeit. Oft reichen kleine, klug gewählte Kooperationen: gemeinsame Generationenprojekte, eine stärkere Vernetzung mit Vereinen oder die Mitwirkung an kommunalen Projekten. Es geht nicht um Größe oder Bedeutung, sondern um Wirksamkeit.
Beispiele:
- Auch hier können die oben genannten Beispiele ähnlich und je nach Situation aufgenommen werden.
- Tag der Schöpfung: Landwirte, Feuerwehr, Schule und Pfarrei gestalten gemeinsam einen Aktionstag zu Nachhaltigkeit und regionaler Verantwortung. Ein Gottesdienst bildet den geistlichen Rahmen, aber das Engagement geht darüber hinaus.
- Ein Generationencafé im Dorf, organisiert von Pfarrei und Kommune. Ältere Menschen erzählen aus der Geschichte des Dorfes, Alt und Jung sind eingeladen. Kirche schafft Begegnungsmöglichkeiten, schafft Verbindung untereinander statt Konkurrenz zu örtlichen Vereinen und Gruppen.
Vom Veranstalter zum Beziehungspartner
Dort, wo Kirche als Gesprächspartnerin, Mitgestalterin und geistliche Ressource wahrgenommen wird, bleibt sie relevant – nicht durch Lautstärke, sondern durch Präsenz. Vielleicht liegt die Zukunft nicht darin, alles selbst zu tun, sondern darin, bewusst Partnerin im Gemeinwesen zu sein. Eine Kirche, die zuhört, Verantwortung teilt und aus ihrem Glauben heraus handelt, bleibt auch in veränderten Zeiten ein wichtiger Teil der Gesellschaft.
Kirche wirkt heute weniger durch Größe oder institutionelle Stärke, sondern durch Beziehung, Verlässlichkeit und Profil. Kooperation mit der Kommune ist keine Zusatzaufgabe, sondern Ausdruck des kirchlichen Auftrags. Was würde unser Ort oder Ortsteil vermissen, wenn es unsere Pfarrei nicht gäbe?
Typische Bedenken – und mögliche Antworten
In Gesprächen tauchen häufig ähnliche Einwände auf:
„Wir haben doch keine Ressourcen mehr.“ Gerade deshalb sind Kooperationen sinnvoll. Geteilte Verantwortung entlastet.
„Das ist doch Aufgabe der Kommune.“ Schon. Doch: Kirche verstand sich noch nie ausschließlich als Anbieterin religiöser Rituale. Sie bringt Werte, Beziehungskompetenz, Mitarbeitende und Räume ein. Kooperation bedeutet Ergänzung, nicht Konkurrenz.
„Bringt uns das neue Mitglieder?“ Zusammenarbeit ist keine kurzfristige Mitgliederstrategie. Kirche sollte als glaubwürdige Partnerin erlebt werden.
„Verlieren wir nicht unser geistliches Profil?“ Wer sich bewusst aus dem Glauben heraus für etwas einsetzt, zeigt Profil. Diakonie ohne Spiritualität missrät zu Aktivismus. Spiritualität ohne Diakonie wird Weltflucht. Entscheidend ist die geistliche Motivation.
„Wir haben doch schon genug zu tun.“ Hier helfen Schwerpunkte, Prioritäten. Konzentration statt Verzettelung. Was ist wichtig, unverzichtbar oder kann auch wegfallen? Vielleicht hilft eine Kooperation, interne Doppelstrukturen zu überdenken und Kräfte zu bündeln.
Mitgestalten als geistliches Lernfeld
Insgesamt gilt: Der Weg zur Kooperation mit seinem Umfeld im Stadtteil oder Dorf ist nicht nur strategisch sinnvoll. Er öffnet Kreativität und ist auch geistlich fruchtbar. Zusammenarbeit mit anderen zwingt zur Klarheit: Wer sind wir? Wofür stehen wir? Was ist unverzichtbar – und was ist Gewohnheit?
Die Kooperation mit Kommune oder Stadtteil bedeutet so verstanden weniger Anpassung denn Lernweg. Kirche entdeckt neu, wie ihre Sendung im Dorf oder Stadtteil konkret werden kann, im Gespräch mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Vereinsvorsitzenden und engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Dafür braucht es entsprechend motivierte Mitarbeitende.
Ich erinnere an den Begriff des „selbstlosen Dienstes“. Dienst am Menschen als Gottesdienst im Alltag. Weg von der Selbstbezogenheit, die nur Strahlkraft kostet. Wo eine dienende Kirche auftritt, kann sie auch als glaubwürdig erlebt werden.
Verfasst von:
Rudi Schmidt
Katholischer Theologe und Sozialpädagoge, langjähriger pastoraler Mitarbeiter im Bistum Eichstätt