Ausgabe: September-Oktober 2026

Schwerpunkt

Wenn die Welt der Liebsten entgleitet

Pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz leisten Unglaubliches – und brauchen selbst Zuwendung, Entlastung und ein starkes Netzwerk. Foto: STOCKERTHINGS / ADOBE STOCK

Demenzkurs bietet pflegenden Angehörigen Halt

Ein Kurs der Seniorenseelsorge begleitet Angehörige von Menschen mit Demenz. Er vermittelt Wissenswertes über die Krankheit, schafft Raum für Austausch und stärkt mit spirituellen Impulsen.

Schnell die Jacke überziehen und loslaufen, weil ein Termin ansteht oder das Taxi wartet – eine Alltagssituation, die die meisten Menschen problemlos bewältigen. Für Menschen mit Demenz kann sie jedoch zur Herausforderung werden. Eile und Zeitdruck lösen bei ihnen häufig Angst, Verunsicherung oder Überforderung aus. Was bedeutet „schnell“? Wohin soll ich? Was geschieht gerade mit mir?

„Im Kontakt mit Menschen mit Demenz muss man sich Zeit nehmen“, sagt Seniorenseelsorgerin Andrea Schirnjack. Mit der Aufforderung „Jetzt zieh die Jacke an, wir müssen los“, funktioniert das unter Umständen nicht.

Das Leben der Familie steht Kopf

Für Außenstehende wirken solche Situationen oft banal. Angehörige von Menschen mit Demenz erleben jedoch ständig, wie sehr die Erkrankung den Alltag verändert. Denn Demenz betrifft nicht nur die Erkrankten selbst, sondern stellt das Leben der ganzen Familie auf den Kopf.

Partnerinnen und Partner sowie Töchter und Söhne übernehmen Verantwortung, organisieren Arztbesuche und strukturieren den Tagesablauf. Gleichzeitig müssen sie miterleben, wie ihnen ein vertrauter und geliebter Mensch Stück für Stück entgleitet.

Andrea Schirnjack berichtet von Betroffenen, die überzeugt sind, erst 40 Jahre alt zu sein, obwohl sie längst ihren 80. Geburtstag gefeiert haben. Wenn dann der 60-jährige Sohn zu Besuch kommt und „Mutter“ zu der alten Dame sagt, versteht diese die Welt nicht mehr. Andere Erkrankte finden nachts keinen Schlaf und wandern durch die Wohnung. Auch ihre Angehörigen kommen dann kaum noch zur Ruhe.

Damit die Belastung nicht zu groß wird, brauchen pflegende Angehörige Unterstützung und Begleitung, sagt Schirnjack. Genau hier setzt der IKS-Kurs an, den sie seit 2023 im Auftrag der Seniorenpastoral des Erzbistums in Kooperation mit dem Fischer's Seniorenzentrum in Erding anbietet.

IKS steht für „informativ, kommunikativ und spirituell“ – drei Begriffe, die sowohl die Inhalte des Kurses als auch die Bedürfnisse vieler pflegender Angehöriger beschreiben.

Praktische Hilfe gegen die Erschöpfung

An erster Stelle steht die Information. Obwohl das Thema Demenz heute in der Öffentlichkeit deutlich präsenter ist als noch vor einigen Jahren, erlebt Schirnjack weiterhin einen großen Informationsbedarf. „Wenn man plötzlich selbst betroffen ist, stellen sich viele Fragen ganz neu“, sagt sie. Zum Beispiel, wie die Krankheit verläuft, welche Formen der Demenz es gibt oder woran sich erste Anzeichen erkennen lassen.

Viele Teilnehmende kommen auch mit sehr konkreten Anliegen in den Kurs: „Warum erkennt mich meine Mutter plötzlich nicht mehr?“ Weshalb stellt mein Mann dieselbe Frage immer wieder? Warum schläft meine Frau nachts kaum noch?“

Die Kursleiterin Andrea Schirnjack leitet die Treffen gemeinsam mit einer gerontopsychiatrischen Fachkraft, die auch mit ihrer medizinischen Expertise zur Verfügung steht.

Es werden auch ganz praktische Hilfen vorgestellt, wie ambulante Pflegedienste, Tagespflegeangebote, Entlastungsdienste oder Pflegeheime. Besonders wichtig ist die Ermutigung, diese Angebote tatsächlich anzunehmen. Denn viele Angehörige opfern sich bis an die Grenzen ihrer Kräfte auf. „Niemand hat etwas davon, wenn die gesunden Angehörigen zusammenbrechen“, sagt Andrea Schirnjack.

Besonders bewegt hat sie die Geschichte eines hochbetagten Ehepaares. Beide waren bereits über 80 Jahre alt. Die Ehefrau pflegte ihren demenzkranken Mann allein, bis sie sich nach dem Kurs schließlich Unterstützung holte. „Das ist für mich ein großer Erfolg“, sagt Schirnjack, „wenn Menschen den Mut finden, sich helfen zu lassen.“

Kommunikation auf Augenhöhe und spirituelle Kraft

Neben dem informativen Teil beschäftigt sich der Kurs auch mit der Frage, wie die Kommunikation mit Menschen mit Demenz gelingen kann. Denn diese folgt anderen Regeln als die Alltagskommunikation mit gesunden Menschen.

Schirnjack empfiehlt beispielsweise, langsamer zu sprechen, Blickkontakt zu halten und dem Gegenüber ausreichend Zeit für eine Antwort zu lassen. „Oft können schon kleine Veränderungen den Alltag spürbar erleichtern“, sagt sie. Dadurch entstünden viele Konflikte gar nicht erst.

Wertvolle Anregungen kommen dabei nicht nur von der Seniorenseelsorgerin, sondern auch von den Teilnehmenden selbst. Viele pflegende Angehörige haben eigene, gute Strategien entwickelt. Im gegenseitigen Austausch entstünden daher oft die hilfreichsten Ideen. „Im Kurs sitzen nicht nur Teilnehmende, sondern eine Runde von Expertinnen und Experten.“ Deshalb folgt der Kurs der Initiative Kurskonzept Seniorenseelsorge (IKS) keinem starren Ablauf. Das Konzept bildet den Rahmen, doch die Fragen, Sorgen und Erfahrungen der Teilnehmenden bestimmen die Themen.

Der Kurs findet im Fischer's Seniorenzentrum statt, und das aus einem besonderen Grund: Während der Treffen können die demenziell Erkrankten in der dortigen Tagespflege betreut werden. Dieses Angebot ermöglicht es einigen pflegenden Angehörigen überhaupt erst, am Kurs teilzunehmen.

Informationen über Demenz und Tipps für eine gelingende Kommunikation sind auch in Kursen anderer Anbieter zu finden. Das Besondere am IKS-Kurs ist das „S“ – der spirituelle Aspekt.

Das bedeutet konkret, dass die Teilnehmenden bei den Treffen auch die Möglichkeit haben, sich anhand von biblischen Texten auszutauschen und ihre Sorgen und Nöte vor Gott zu tragen. Jedes Treffen schließt mit einem spirituellen Impuls, einem Gebet und einem Segen ab. Dieser Moment bietet Raum, um loszulassen, Kraft zu schöpfen und für einen Augenblick zur Ruhe zu kommen. Hier dürfen Trauer, Hilflosigkeit und Fragen ihren Platz haben – ebenso wie Dankbarkeit und Hoffnung.

„Jeder und jede soll erfahren dürfen: Man ist nicht allein. Da ist einer, der den Weg mitgeht und Zuversicht schenkt“, sagt Schirnjack. Wenn gewünscht, endet der Kurs nach dem letzten Treffen mit einem gemeinsamen Gottesdienst.

Die Seelsorgerin Schirnjack betont, dass die Unterstützung pflegender Angehöriger eine wichtige und notwendige Aufgabe sei. Tag für Tag leisten diese Menschen Unglaubliches und gehen dabei oft über ihre Belastungsgrenzen hinaus. „Und sie brauchen nicht nur Informationen. Sie brauchen Menschen, die ihre Situation verstehen, sie entlasten und an ihrer Seite sind.“

IKS-Kurs: informativ, kommunikativ, spirituell

Für wen? 
Der IKS-Kurs richtet sich an Menschen, die Angehörige mit Demenz zu Hause oder im Pflegeheim begleiten. 

Was erwartet die Teilnehmenden?
•    Informationen über die Krankheit
•    Hinweise zu Unterstützungs- und Entlastungsangeboten
•    Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen
•    Impulse für gelingende Kommunikation mit Menschen mit Demenz
•    Spirituelle Begleitung

Leitgedanke
Der Name IKS steht für die drei Säulen des Kurses: informativ, kommunikativ, spirituell. Ziel ist es, pflegende Angehörige zu informieren, den Austausch mit anderen Betroffenen zu fördern und einen Raum zum Atemholen und Kraft schöpfen zu ermöglichen.

Umfang
Fünf Gruppentreffen zu jeweils 90 Minuten; die Teilnahme ist kostenfrei. Der IKS-Kurs ist ein seelsorgliches Angebot der Seniorenpastoral des Erzbistums München und Freising.

Informationen über einen IKS-Kurs in Ihrer Nähe
Erzbischöfliches Ordinariat München
Abteilung Seniorenpastoral
Dr. Maria Kotulek
Tel.: 089 2137-74306
E-Mail: mkotulek@eomuc.de


Verfasst von:

Stephanie Steidl

Freie Journalistin