Ausgabe: September-Oktober 2026

Schwerpunkt

Käme doch jemand ab und an...

Über Nachbarschaftshilfe könnten pflegende Angehörige unterstützt werden. Doch viele dieser Initiativen haben sich in letzter Zeit aufgelöst. Foto: PAT CHRIST

Pflegende Angehörige mit Ehrenämtern bräuchten mehr Hilfe in Pfarreien

Ob man sich zumindest für ein Stündchen mal hinauswagen kann? Um eine Runde zu spazieren? Oder in der Sonne zu sitzen? Oder passiert dann gleich wieder was? Wird der Herd angedreht? Kocht die Milch über? Pflegende Angehörige sind ständig auf dem Quivive. Außerhalb der Pflege haben sie für fast nichts Zeit. Zum Teil müssen Ehrenämter aufgegeben werden. Auch in Pfarreien. Eine bayernweite Recherche zeigt: Gerade hier gibt es noch zu wenige Ideen, wie man unterstützen könnte.

Jemanden zu haben, der mal für eine Stunde kommt, mit dem Pflegebedürftigen spricht, Tee oder Obstsaft reicht und ein Fotoalbum mit ihm durchblättert, wäre hilfreich, bestätigt Regine Morell von der Pfarreiengemeinschaft Esselbach. Die Pfarrgemeinderätin pflegte ihren nach einem Schlaganfall bettlägerigen Mann von 2023 bis zu seinem Tod 2025. Nebenbei war sie vielfach ehrenamtlich in der Pfarrei aktiv: Als Mesnerin und Seniorenbeauftragte, Lektorin und Kommunionhelferin. „Das ging nur, weil die ganze Familie mitgeholfen hat“, sagt sie.
Wegen ihrem Mann stieg die ehemalige Arbeitsvermittlerin vor dem offiziellen Renteneintrittsalter aus dem Beruf aus. Das erste Vierteljahr in der Pflege erlebte sie als äußerst anspruchsvoll: „Da habe ich auch mit meinen Ehrenämtern pausiert.“ Sehr hilfreich waren für Regine Morell damals wie während der gesamten Pflegezeit seelsorgerliche Gespräche mit Esselbachs Pfarrer Alexander Eckert.
Der Theologe hatte immer ein offenes Ohr für sie: „Mit ihm zu sprechen, gab mir viel Kraft.“ Zusammen mit dem Priester ist Regine Morell gerade dabei, die wegen der Corona-Krise zu Ende gegangene Initiative „Eine Stunde Zeit füreinander“ neu aufzubauen – nicht zuletzt mit Blick auf pflegende Angehörige. Das allerdings ist nicht leicht. Denn die wenigsten Gemeindemitglieder haben Zeit und Lust, sich zu engagieren. Drei Ehrenamtliche hat Regine Morell inzwischen gewonnen. 20 braucht sie, damit das Angebot Sinn macht. Alexander Eckert und sie hoffen, dass „Eine Stunde Zeit füreinander“ 2027 neu starten kann.

Esselbachs Pfarrer Alexander Eckart hat pflegende Angehörige aus seiner Pfarrei im Blick. Foto: PAT CHRIST

Ein riesiges Glück

Waltraud Reinstein, ebenfalls aus Esselbach, hatte ihren demenzkranken Mann im Herbst letzten Jahres in eine Demenz-WG einlogieren können. Zum Glück. Zu diesem Zeitpunkt war die 72-Jährige körperlich und nervlich völlig am Ende: „Direkt danach ging ich in eine psychosomatische Klinik.“ Die ehemalige Pfarrgemeinderätin gehört zu jenen pflegenden Angehörigen, für die es unmöglich gewesen wäre, neben der Pflege freiwillig tätig zu sein. Davor hatte sie sich mit großer Freude bei „Eine Stunde Zeit füreinander“ engagiert.

Wie sehr sich Waltraud Reinstein mehr als zwei Jahre mit der Pflege abgeplagt hatte, kann nur ermessen, wer sich schon einmal um einen Demenzkranken gekümmert hat. Rapide sei es mit ihrem Mann nach dem Krankheitsausbruch 2023 abwärts gegangen, erzählt sie. Zum Schluss habe er fast nicht mehr geschlafen, sei die ganze Nacht herumgeistert: „Ich schlief ebenfalls kaum noch.“ Auch sie war dankbar, dass Alexander Eckert über die ganze Zeit hinweg Kontakt hielt und Mut zusprach. Besonders wichtig sei seine Mutter gewesen: „Das war der einzige Mensch, der mich regelmäßig besucht hat.“

Wie man zwischendurch mal ein kleines Stückchen Freiheit erlangen kann, ist eine Frage, die viele pflegende Angehörige bewegt, weiß Maria Hackl aus Ingolstadt. Die Sozialpädagogin ist beruflich in einer Demenz-WG beschäftigt und berät Menschen, die häuslich pflegen. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Vorstand des Fördervereins für häusliche Pflege St. Canisius. Sowohl von Berufs wegen als auch aus ihrem privaten Umfeld weiß Maria Hackl, wie stark pflegende Angehörige eingespannt sind: „Werden Mutter oder Schwiegermutter plötzlich pflegebedürftig, ist die Tendenz groß, dass man sich erst mal zurückzieht.“

Vor allem die Pflege eines demenzkranken Angehörigen führt schnell an die eigene Grenze. Foto: PAT CHRIST

Keine Zeit mehr

Ehrenamtliche, die sich bisher um die Firmung oder den Kindergarten, das Pfarrfest oder die Jugendarbeit gekümmert haben, können dies aus zeitlichen Gründen plötzlich nicht mehr leisten. Zumal es professionelle Hilfe aufgrund der hohen Nachfrage bei weiterhin bestehendem Fachkräftemangel oft nicht im gewünschten Umfang gibt. Auch die Sozialstation St. Canisius kennt Engpässe.

Der Pflegesituation zu Hause durch das Ehrenamt hin und wieder entrinnen zu können, wird anderenteils als Erleichterung empfunden. Besuchsdienste oder Nachbarschaftshilfen würden dies möglich machen. Tatsächlich existieren solche Angebote in vielen Pfarreien auch noch. Das Thema „Pflegende Angehörige” allerdings ist dort bisher kaum präsent. Und das, obwohl immer mehr Familienmitglieder pflegen. Und zwar deshalb, so Maria Hackl, weil professionelle Pflege immer unerschwinglicher wird: „Ein Platz in unserer Demenz-WG kostet 4.000 Euro Eigenanteil.”

Dass es in jeder Pfarrei Ehrenamtliche gibt, die Eltern oder Ehegatten pflegen, davon ist auszugehen, meint Natalie Reisacher, Pastoralreferentin in der Pfarreiengemeinschaft Sonthofen. Dort tauschte man sich kürzlich beim Dienstgespräch über dieses Thema aus: „Uns fielen konkrete Beispiele ein, doch in allen diesen Fällen hält die Familie unglaublich zusammen, sodass das Ehrenamt in der Pfarrei nicht eingeschränkt wird.” Ein fest verankertes Unterstützungsangebot für pflegende Angehörige gibt es in Sonthofen wie in den meisten bayerischen Pfarreien noch nicht.

Die Lust schwindet

Ein großes Problem ist auch Natalie Reisacher zufolge, dass immer weniger Menschen Lust haben, dem Gemeinwohl zu dienen. Dabei wäre es eine tolle Sache, hätte jede Pfarrei einen Pool an Ehrenamtlichen, die bereit wären, in Familien zu gehen und pflegende Angehörige für ein paar Stunden abzulösen. Eben dieses Ehrenamt sei allerdings auch ziemlich anspruchsvoll: „Man müsste auf jeden Fall für eine Schulung sorgen.” Zum Beispiel zum Umgang mit Demenz.

Großes Glück hatte die Sonthofener Pfarreiengemeinschaft mit ihrem Kirchenpfleger, der durch seine Ehefrau in die Situation kam, häuslich pflegen zu müssen, sein Engagement dadurch aber nicht einschränkte. „Ich fand das sehr bewundernswert, sagt Natalie Reisacher. Durch diesen Ehrenamtlichen, der im Dezember 2025 starb, weiß sie, wie wichtig es für pflegende Angehörige sein kann, sich in der Pfarrei zu engagieren: „Ihm war es bis zum Schluss ein Herzensanliegen, Kirchenpfleger bei uns zu sein.”

Wie schnell man die Grenze der eigenen Belastbarkeit überschreiten kann, muss man sich um einen Angehörigen kümmern, der Pflege benötigt, weiß Eva Meder-Thünemann aus persönlicher Erfahrung. Und noch etwas erlebte die Gemeindereferentin im pastoralen Raum Aschaffenburg: „Das Thema ist sehr schambesetzt.” In Aschaffenburg gibt es Nachbarschaftshilfen mit Ehrenamtlichen, die bereit wären, zu Familien nach Hause zu kommen. Die Nachfrage sei jedoch verhalten. Eva Meder-Thünemann selbst bietet pastorale Gespräche an: „Aber auch hier muss ich aktiv auf die Menschen zugehen, ich selbst werde nicht angesprochen.” Selbst wenn die Not groß ist.

Manche Angehörige geben ohne Rücksicht auf Verluste alles, was sie denken, dass von ihnen erwartet wird, bis hin zum Pflege-Burnout. Eva Meder-Thünemanns Kollegin Anke Haas, Sozialpädagogin im Pastoralen Raum Aschaffenburg, kennt dies aus früheren Tätigkeiten in einem Klinikum und einer Beratungsstelle. Sie spricht von einem „Spagat zwischen moralischer Verpflichtung, zu helfen, und eigenen Bedürfnissen“. Aufgegriffen werden soll dieses Thema am 10. Oktober 2026 bei einem Nachmittag für pflegende Angehörige im Aschaffenburger Martinhaus. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden unter anderem Techniken der Stressbewältigung kennenlernen.


Verfasst von:

Pat Christ

Freie Autorin