Ausgabe: September-Oktober 2026

Schwerpunkt

Demenzfreundliche Gemeinde

Fähigkeiten im Blick: Die Einbindung von Menschen mit Demenz in das alltägliche Gemeindeleben erfordert statt Sonderlösungen vor allem eine Haltung, die Potenziale wahrnimmt und Räume für Begegnung offen hält. Foto: ROBERT KNESCHKE / ADOBE STOCK

Wenn Menschen an Demenz erkranken, verschwinden sie und ihre pflegenden Angehörigen oft schleichend aus dem aktiven Gemeindeleben – häufig bedingt durch Unsicherheit im Umgang mit den Veränderungen. Eine demenzfreundliche Pfarrei setzt darauf, Barrieren abzubauen, Ehrenamtliche durch Wissen zu stärken und Betroffene nicht über Defizite, sondern über ihre verbliebenen Fähigkeiten und Gaben aktiv einzubinden.

Frau M. ist stolze 86 Jahre alt. Früher besuchte sie gerne und häufig Veranstaltungen ihrer Pfarrgemeinde. Sie war regelmäßig sonntags im Gottesdienst. Als sie noch etwas jünger war und sich rüstiger fühlte, engagierte sie sich aktiv im Besuchskreis und kam zu runden Geburtstagen und anderen Anlässen mit einem Gruß aus der Gemeinde zuhause bei Menschen vorbei. Als ihre Kräfte nachließen, hatte sie ihren festen Platz im Seniorenkreis und steuerte gerne einen selbstgebackenen Kuchen bei, wenn Beiträge für ein Buffet erbeten waren. Seit ein paar Wochen taucht sie nicht mehr in der Gemeinde auf. Es gab da diesen Vorfall – während der Predigt hat sie (etwas zu laut und alle konnten es hören) gesagt, was ihr durch den Kopf ging – nämlich warum sie alle da weiter zuhören sollen, das ginge doch schon lang genug. Alle haben sich zu ihr umgedreht, ein paar haben getuschelt. Nach dem Gottesdienst haben einige (mit mitleidigem Unterton) mit ihrer Begleitung gesprochen, auf Frau M. selbst ist niemand zugekommen und hat mit ihr gesprochen. Seither fühlt sie sich nicht mehr so willkommen wie früher.

Frau M. ist an Demenz erkrankt, sie ist weiterhin gut zu Fuß und mobil, sie hat Freude am gemeinsamen Singen, den vertrauten Ritualen der Messe und an der Geselligkeit. Auf Grund der Erkrankung fallen ihr manche Dinge schwerer als früher und sie ist auf Hilfe angewiesen. Und so, wie ihr, geht es vielen. An Demenz zu erkranken und mit Demenz zu leben geht für Betroffene in der Regel mit großen Veränderungen, nach und nach auftretenden Einschränkungen und Schwierigkeiten im Alltag einher. Dabei handelt es sich bei Demenz in seinen verschiedenen Formen nicht um eine seltene Erkrankung. Aktuell leben in Deutschland circa 1,8 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Folgt man den Prognosen, so wird diese Zahl aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland weiter ansteigen. Die Zahlen spiegeln sich auch im persönlichen Erleben von Menschen wider: Kaum jemand, der oder die nicht in der eigenen Familie oder im Freundeskreis jemanden hat oder kennt, der oder die an Demenz erkrankt ist. Der größte Teil der Personen, die an Demenz erkrankt sind, lebt zu Hause und wird dort von Familienmitgliedern und An- und Zugehörigen versorgt.

Ein Thema für Pfarrgemeinden?

Pfarrgemeinden haben in der Regel den Anspruch, offen für alle Gläubigen in den verschiedensten Lebenslagen zu sein, für Menschen in schwierigen Situationen da zu sein, sie zu unterstützen und sie mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten willkommen zu heißen. Das gilt für den Gottesdienst genauso wie für weitere Angebote, bei denen Menschen zu verschiedensten Zwecken zusammenkommen. Allen gerecht zu werden, ist nicht immer leicht, und so haben sich je nach Bedarf verschiedene Angebotsformen entwickelt – von der Kinderbibelwoche bis zum Seniorencafé –, die die Bedürfnisse und Fähigkeiten einzelner Gruppen besonders berücksichtigen und in denen ihre jeweiligen Themen im Zentrum stehen. Dem steht die Beobachtung gegenüber, dass Menschen, die an Demenz erkranken, irgendwann aus dem üblichen Miteinander einer Gemeinde verschwinden – nicht selten verschwinden die pflegenden Angehörigen mit ihnen. Sie werden unsichtbar. Häufig gehen dem unangenehme Erfahrungen, wie im oben geschilderten Beispiel, voraus, bei denen sie sich mit ihren jeweiligen Besonderheiten oder Bedürfnissen nicht willkommen gefühlt haben. Typische Beispiele sind, dass jemand sich im Seniorencafé auf den „falschen“ Platz gesetzt hat, die Orientierung in den Räumlichkeiten beispielsweise zur Toilette und zurück nicht mehr klappt oder spontane Bemerkungen nicht akzeptiert werden. Vielfach geht das einher mit Blicken und Bemerkungen zum vermeintlichen Zustand der betroffenen Person. So entsteht bei Gemeindemitgliedern, die an Demenz erkrankt sind, der Eindruck, sie seien nicht willkommen oder die Gemeinde sei nicht mehr der richtige Ort für sie.

Wie kommt es zu solchen Situationen? Vielfach geschehen sie aus Unsicherheit und Unwissenheit – der Priester ist vermutlich auch erstmal perplex bei einer solchen Bemerkung, mitten in seine Predigt hinein, und kann nicht spontan reagieren. Wenn eine solche Bemerkung fällt, dann kann eine Antwort wie „Danke für den Hinweis, dass es zu lang wird, ich komme gleich zum Schluss, und dann singen wir gemeinsam ein Lied“ die Situation entschärfen.

Demenzfreundliche Gemeinde

Was zunächst als zusätzliche Aufgabe und Herausforderung für in der Regel ohnehin schon überlastete Gemeinden aussehen mag, wirft grundsätzlichere Fragen auf, nämlich wie wir uns in Gemeinden begegnen wollen. Menschen mit Demenz sind dabei eine Gruppe unter vielen. Wir alle haben Bedürfnisse und müssen uns in Gemeinschaften ein Stück weit anpassen. Gleichzeitig lässt sich fragen, wie Gemeinschaften auf Personen zugehen und als wer man angesprochen wird. Teilhabe ist dafür häufig ein wichtiges Schlagwort. Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten und wollen lieber für diese Fähigkeiten als das, was sie (noch) nicht oder nicht mehr können, gesehen werden. Die Tatsache, dass jemand an Demenz erkrankt ist (und zum Beispiel kein gutes Kurzzeitgedächtnis mehr hat), bedeutet nicht, dass die vielen anderen Fähigkeiten der Person ebenfalls verloren gegangen sind. Handwerken und mit anpacken, Singen, Spielen und Vorlesen, Sport treiben und für seine Meinung eintreten sind weitere Fähigkeiten, die im Miteinander genutzt werden können. Gemeinschaften so zu gestalten, dass die vielen verschiedenen Gaben von Menschen zu einem Mehrwert für viele werden können, wäre die Vision einer demenzfreundlichen – menschenfreundlichen – Gemeinde. Menschen wollen für das, was sie sind, mit allem Potenzial, wahrgenommen werden. Es wird eine aktive Mitgestaltung angestrebt und eine regelmäßige Einbeziehung erwartet. Auch dann werden sie gefragt, wenn sie nicht auf alles eine Antwort haben. Wenn diese Haltung umgesetzt wird, dann entsteht aus der Logik des Spezialangebots für verschiedene Gruppen die eines gemeinsamen Schaffens.

Wege zur menschenfreundlichen Gemeinschaft

Schritte auf dem Weg zu einer demenzfreundlichen Gemeinde können vielfältig sein. Allen Maßnahmen liegt die Grundhaltung zugrunde, Menschen mit ihren Fähigkeiten zu sehen – dies beginnt damit, sie als Personen mit Fähigkeiten anzusprechen (und nicht als Kranke). Ein erster Schritt kann das Angebot von Fortbildungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Ehrenamtliche sein, damit mehr Wissen über Demenz, den Verlauf und die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit einer Demenzerkrankung bei allen, die Angebote gestalten, vorhanden ist. Dieses Wissen baut Unsicherheiten und damit Barrieren ab. Weitere Schritte können folgen, beispielsweise auf klare Beschilderung aller Räume und Wege zu achten. Noch viel bedeutsamer ist es, die konkrete Gestaltung mit denjenigen zu machen, die selbst an Demenz erkrankt sind, sie zu fragen und einzubeziehen. Viele Kommunen und politische Gemeinden haben sich schon auf den Weg gemacht und wollen demenzfreundlicher werden, Pfarrgemeinden können sich hier vernetzen. Dort, wo dieser Weg begangen wurde, hat man festgestellt, dass viele andere Gruppen davon auch profitieren – weil es viele andere Gruppen gibt, die auch nicht gern lange stillsitzen und zuhören wollen.


Verfasst von:

Julia Inthorn

Professorin für Angewandte Ethik an der Hochschule für Philosophie SJ in München