Ausgabe: Juli-August 2026
EditorialEinfach mehr wert
Liebe Leserin, lieber Leser,
es gibt Begriffe, die klingen so einladend, dass sich reflexartig niemand dagegen aussprechen möchte. Die „offene Gesellschaft“ ist so ein Kandidat. Wer wäre schon freiwillig für eine verschlossene, muffige Gesellschaft, in der die Türen klemmen? Schaut man jedoch genauer hin, stellt man fest: Offenheit ist im echten Leben erstaunlich anstrengend. Es bedeutet nämlich, dass man sich auch mit Ansichten auseinandersetzen muss, die man selbst für puren Unfug hält.
In dieser Ausgabe von Gemeinde creativ nehmen wir das Phänomen unter die Lupe – und zwar dort, wo es besonders wehtut oder besonders dringend gebraucht wird: vor unserer eigenen Haustür, der eigenen Kirchen-, Pfarrhaus- und Pfarrheimtür und auf unseren Bildschirmen. Nach den Kommunalwahlen in diesem Jahr ist die Debatte über das demokratische Miteinander und die grassierende Polarisierung mit neuer Dynamik entbrannt. Ein politikwissenschaftlicher Beitrag seziert dazu die fundamentale Beziehung zwischen Demokratie und Glaube, während der bayerische Hate-Speech-Beauftragte im Interview unmissverständlich aufzeigt, wie digitaler Hass ehrenamtliche Stimmen mundtot machen will – ein Problem, das mittlerweile auch viele engagierte Menschen in den Pfarrgemeinden erreicht.
Dass Offenheit kein Gratisgeschenk ist, zeigt sich auf allen Ebenen. Ein Blick auf die spätmoderne Glaubenswirklichkeit wirft die Frage auf, ob synodale Prozesse nicht als Schule für demokratische Lebensformen dienen können, um Spannungen eben nicht sofort wegzudiskutieren, sondern produktiv auszuhalten. Eine wirtschaftswissenschaftliche Perspektive rechnet uns wiederum vor, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt keine reine Wohlfühlgröße ist, sondern handfeste ökonomische Auswirkungen hat – quasi eine Investition, die sich am Ende auch in Zahlen auszahlt.
Richtig praktisch wird es beim Plädoyer für digitale Souveränität in den Pfarreien durch Open-Source-Software, denn wahre Offenheit verträgt sich nun mal schlecht mit der absoluten Abhängigkeit von großen Tech-Giganten. Eine theologische Einordnung erinnert uns zudem daran, dass eine offene Kirche weit mehr sein muss als eine physisch unverschlossene Kirchentür – es ist eine Frage der inneren Haltung. Und schließlich fordert ein Kommentar einen echten Vertrauensvorschuss für junge Menschen und Frauen in den neu gewählten Pfarrgemeinderäten.
Kurzum: Offenheit bedeutet nicht Durchzug, sondern das bewusste Gestalten von Räumen, in denen man einander zuhört, ohne sofort Zensuren zu verteilen. Wir wünschen Ihnen eine anregende, vielleicht auch streitbare Lektüre. Nehmen Sie sich gerne ein Herz – und im Zweifelsfall ein stabiles Passwort.
Viel Freude beim Lesen und gute Anregungen für Ihre kirchliche Arbeit wünscht Ihnen
Hannes Bräutigam, Redaktionsleiter