Ausgabe: Mai-Juni 2026
SchwerpunktGespräch im (Heiligen) Geist
Miteinander synodal auf dem Weg in der Pfarrgemeinde
„Syn“-„hodos“ (griech.) miteinander auf dem Weg, synodal unterwegs, das sei, so Papst Franziskus, das, was sich Gott von der Kirche des dritten Jahrtausends erwarte.
diese Überzeugung formulierte der bereits schwer erkrankte Papst Franziskus in der Abschlussansprache im Oktober 2024, mit der er die Weltsynode zunächst beendete, zu der er drei Jahre zuvor Katholiken aus der ganzen Welt eingeladen hatte. Es sollte ein Aufbruch der Kirche sein, eine Bewegung, aber vor allem eine Haltung, die sich auf allen Ebenen, in allen Strukturen, in allen Gremien und Gruppierungen, bei Hauptamtlichen und Laien gleichermaßen verbreiten sollte.
1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken in circa 3.000 Diözesen weltweit wurden in diesen Prozess einbezogen. Es wurde überlegt und beraten, wie das „gemeinsame Gehen“, die Synodalität, in den Ortskirchen verwirklicht, wie aufeinander gehört und miteinander entschieden werden könne und was die aktuellen und brennenden Themen sind, die die Menschen in ihrer Zeit und an ihrem jeweiligen Ort bewegen. Von Beginn an wurde Synodalität als eine geistliche Haltung definiert. Vor dem Handeln, vor einer rein formalen und strukturellen Veränderung, sollte das aufeinander und auf das Wort Gottes Hören stehen. Dazu braucht es den Raum der Stille und des Gebets, die Fähigkeit des Zuhörens ohne zu bewerten, den Respekt vor dem Standpunkt des jeweils anderen und die Bereitschaft, sich einzulassen auf etwas, was zunächst ungewohnt scheint.
In Erinnerung sind uns allen die Bilder, wie die Bischöfe im Rahmen der Versammlungen der Weltsynode an den runden Tischen in beeindruckender Weise die „conversazione nello spirito“, das Gespräch im (Heiligen) Geist, praktizierten. Inspiriert von dem gemeinsamen Anliegen, durch das aufeinander Hören und das Hören auf den Heiligen Geist zu guten Entscheidungen zu kommen.
Von der Weltsynode in die Pfarrei
Was von den Mitgliedern der Weltsynode immer wieder eingeübt wurde, lässt sich auch auf die Ebene der Pfarrei übertragen. Wo Menschen miteinander auf dem Weg sind, wo es darum geht, den eigenen Glauben zu leben und überzeugend zu wirken, tut es gut, sich bewusst zu werden, wo die eigenen Fähigkeiten und wo die der anderen liegen, wo die Gemeinschaft trägt und wo man etwas aus der Hand geben muss. Überall dort, wo wir als Christen aufeinander hören, in der Erwartung, Gottes Stimme zu vernehmen, wird Kirche attraktiv, weil Menschen sich ernst genommen und wertgeschätzt erfahren.
Die Konstituierung der neuen Pfarrgemeinderäte nach den Neuwahlen könnte ein guter Zeitpunkt sein, um miteinander ein solches Gespräch im Heiligen Geist zu führen. Sicher bewegt Sie alle der Gedanke, welche Ziele Sie in den kommenden vier Jahren verfolgen wollen, was Ihnen in der Pfarrei ein wichtiges pastorales Anliegen ist, wo Sie Ihre Schwerpunkte setzen wollen und vor allem, für wen Sie welche Angebote schaffen möchten. Aber an erster Stelle steht die Frage, was Ihnen für Ihre Tätigkeit in der Pfarrei wichtig ist, was Sie antreibt, wofür Sie brennen und welche Wünsche und Hoffnungen Sie haben.
Vielleicht planen Sie zu Beginn der Amtszeit einen Einkehrtag oder ein Klausurwochenende – dann wäre hier der Raum, um sich die Zeit zu nehmen, miteinander auf diese Weise ins Gespräch zu kommen. Damit dies leichter gelingt, ist in der Diözese Augsburg schon vor Beginn der Weltsynode eine kleine Anleitung für diese synodale „Hör-Übung“ entstanden, die in den unterschiedlichsten Gremien und Gruppen zum Einsatz kommen kann.
Die Frage, wie man vom Zuhören denn aber nun ins Handeln bzw. ins Entscheiden kommt, ist berechtigt. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass vor dem „Was“ das „Wie“ beachtet werden muss. Wenn wir tatsächlich miteinander auf dem Weg sein wollen, wertschätzend und aufeinander hörend, dann kann die „Synodale Übung“ helfen, andere Sichtweisen, die meist mit anderen Erfahrungen einhergehen, zu respektieren und besser zu verstehen. Auf diese Weise gelingt es auch leichter, gemeinsame Lösungen zu finden. Wo diese Form des Gesprächs öfter eingeübt wird, verändert sich auch die Haltung den anderen gegenüber.
Natürlich können nicht alle Fragen und Entscheidungen, die Sie in der alltäglichen Arbeit eines Pfarrgemeinderates treffen müssen, im Rahmen eines Gespräches im Geist behandelt werden. Aber der Pfarrgemeinderat ist neben allem, was ganz konkretes Tun ist, ein pastorales Gremium. Die großen Linien, die Sie als gewählte Vertreter der Katholiken in Ihrer Pfarrei verfolgen wollen, die geistliche „Spur“ die jedem Einzelnen von Ihnen und Ihrer Gemeinschaft wichtig ist, lassen sich gut mit einer solchen synodalen Übung in den Blick nehmen und vielleicht auch immer wieder einmal im Laufe der vier Jahre überprüfen.
Papst Franziskus erinnerte bei den Treffen in Rom und in den Texten zur Weltsynode immer wieder daran, dass das ganze Volk Gottes Subjekt der Verkündigung des Evangeliums ist. Die Taufe schafft Identität und Verantwortung: „Es gibt nichts Höheres als diese Taufwürde“. Das, so Franziskus, ist die Grundlage einer authentischen synodalen Kirche.
Probieren Sie es aus! Lassen Sie sich ein, auf diese synodale Übung und erfahren Sie, wie bereichernd es sein kann, nicht gleich bei Gesprächen in den Diskurs zu gehen, sondern dem anderen und sich selbst Raum zu geben, den eigenen Standpunkt und die damit verbundenen Empfindungen darzustellen und das Gesagte stehen zu lassen, um es unter dem Gesichtspunkt, dass Gott durch jeden einzelnen von uns spricht, neu oder anders zu betrachten.
Für Rückfragen und Anmerkungen steht Ihnen die Fachstelle Geistliches Leben im Bistum Augsburg zur Verfügung (Exerzitienhaus St. Paulus, Krippackerstraße 6/ 86391 Stadtbergen, 0821 3166-33-51).
Hör-Räume schaffen – eine schrittweise Anleitung
Rahmenbedingungen
Zeit: 60 bis 70 Minuten
Raum: ausreichend groß für einen Stuhlkreis
Gestaltung: evtl. eine „Mitte“ mit Kerze
Gruppengröße: Gesamtgruppe offen, Teilgruppen mit etwa 4 bis 6 Personen
Leitung: eine Person, die die Gesamtgruppe in die Übung einführt und jemand, der die Kleingruppe moderiert.
Ablauf:
- Gemeinsam einigen wir uns auf eine Frage, die uns „vor Ort“ bewegt.
- Wir beginnen mit einer kurzen Hinführung zur Übung und einem Gebet.
Beispiel für ein Gebet:
Du, Gott, bist mit uns und unter uns und wirkst in jedem und jeder von uns. Du hast Ohren und ein Herz für uns und begleitest unser gemeinsames Denken, Reden und Tun.
Öffne jetzt unsere Ohren für dich und füreinander, damit wir in den unterschiedlichen Stimmen unserer Gemeinschaft deine Stimme erkennen. Öffne unsere Herzen, damit du in der Stille Raum in uns gewinnen kannst.
Lass uns erfahren, dass du uns bewegst, in den Worten der anderen und im Austausch miteinander. Stärke unsere Gemeinschaft, damit wir gemeinsam nach deinem Willen suchen und neue Wege wagen.
- Wir teilen die Gruppe in kleinere Einheiten von etwa 4 bis 6 Personen auf.
- Wir halten zunächst Stille und überlegen: Was möchte ich auf die Frage, die uns bewegt, antworten?
- Dann hören wir einander zu. Jede Person kann etwa 2 bis 3 Minuten lang erläutern, was sie denkt. Nach jedem Statement sollte das Gesagte in einer kurzen Stille nachklingen können.
- Wenn alle zu Wort gekommen sind, gönnen wir uns mindestens zehn Minuten Stille. Wir können den Raum verlassen, auf- und abgehen, nachklingen lassen, was wir gehört haben. Dabei geht es weniger um ein rationales Analysieren der verschiedenen Statements als vielmehr um eine Achtsamkeit für das, was in mir persönlich den stärksten Widerhall gefunden hat. Vielleicht können wir auch beten: „Mein Gott, was willst du mir durch das Gesagte hindurch sagen?“
- In der zweiten Anhörrunde zeichnen sich oft gemeinsame Beobachtungen, Fragen und Themen ab. Diese gilt es nach Möglichkeit abschließend zu benennen, um später vereinbaren zu können, wie man nun weiter vorgehen möchte.
- Wir beenden die Übung mit einem gemeinsamen Gebet oder Lied.