Ausgabe: Mai-Juni 2026
EditorialEin neuer Ausblick
Liebe Leserin, lieber Leser,
es gibt diesen Moment in jeder längeren Gremiensitzung: Jemand steht auf, geht wortlos zum Fenster – und öffnet es. Ein kollektives Aufatmen, ein bisschen frische Luft, ein neuer Blick nach draußen. Plötzlich wirkt der Raum leichter, die Köpfe klarer, die Stimmung freundlicher. Genau so fühlt sich die Zeit nach den Pfarrgemeinderatswahlen an. Ein Fenster steht offen. Nicht weit, aber weit genug, dass frischer Wind hereinkommt und zeigt: Da geht was. Da bewegt sich etwas. Da beginnt etwas Neues. Trotz Krisen, Schlagzeilen und Strukturdebatten gibt es sie weiterhin – die vielen Frauen und Männer, die sagen: „Ich mach mit.“ Allein das ist ein kleines Wunder und verdient ein großes Dankeschön.
Pfarrgemeinderäte sind längst kein „Wurschtsemmelgremium“ mehr. Sie sind Räume, in denen sich die Vielfalt der Kirche zeigt: Menschen mit Charismen, Kompetenzen, Ecken und Kanten. Menschen, die bereit sind, Neues zu denken, Altes loszulassen und – wenn es sein muss – auch mal eine Weile Wasserkrüge zu schleppen, bevor auf der Hochzeit der neue Wein eingeschenkt werden kann. Lebendige Orte des Glaubens entstehen dort, wo Mut und Realitätssinn zusammenkommen. Vielfalt, Teilhabe und Synodalität sind keine modischen Schlagworte, sondern der Ernstfall des Evangeliums. Wer Verantwortung übernimmt, tut das nicht, um „abzunicken“, sondern um mitzugestalten. Und ja, das bedeutet auch Konflikte auszuhalten. Aber es bedeutet ebenso Freiheit: Prioritäten setzen statt auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu
tanzen.
Gleichzeitig erinnert der Blick auf die konstituierende Phase daran, wie viel vom Anfang abhängt. Ein neuer Pfarrgemeinderat ist kein Selbstläufer, sondern ein zartes Pflänzchen, das Zeit, Aufmerksamkeit und ehrliche Gespräche braucht. Wer Erwartungen ausspricht, Stärken teilt und sich gegenseitig zuhört, legt den Grundstein für ein Team, das mehr kann als Tagesordnungen abarbeiten. Und dann ist da noch die Öffentlichkeitsarbeit. Kirche kommt nur dort vor, wo sie sichtbar wird. Wer nicht erzählt, was er tut, darf sich nicht wundern, wenn niemand zuhört. Manchmal reicht schon ein freundlicher Satz im Pfarrbrief, ein offenes Wort im Gottesdienst oder ein mutiger Social-Media-Post, um Menschen wieder in Kontakt zu bringen.
All diesen Perspektiven gemeinsam ist ein leiser, aber entschiedener Optimismus: Kirche vor Ort lebt – solange Menschen Verantwortung übernehmen, miteinander reden, sich nicht entmutigen lassen und den Blick auf das richten, was wirklich zählt. Dafür ein herzliches Vergelt’s Gott. Und den frisch Gewählten: viel Mut, Humor und die nötige Portion Gelassenheit. Denn wo der Wein knapp wird, kann ja bekanntlich trotzdem noch ein Fest beginnen.
Viel Freude beim Lesen und gute Anregungen für Ihre kirchliche Arbeit wünscht Ihnen
Hannes Bräutigam, Redaktionsleiter