19. Oktober 2026
Staatsempfang 75 Jahre Landeskomitee
Gärtner: „Vernunft des Glaubens in polarisierte Debatten einbringen“
Festakt in München zu 75-jährigem Bestehen des Landeskomitees der Katholiken in Bayern
Grußworte von Landesvorsitzendem Gärtner, Bischof Meier und Staatsminister Herrmann
München, 19. Oktober 2026. Eine ausgleichende Kraft in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft ist das seit 75 Jahren bestehende Landeskomitee der Katholiken in Bayern laut seinem Vorsitzenden Christian Gärtner. „Wir wollen die Stimme der Vernunft des Glaubens in die gesellschaftlichen und politischen Debatten einbringen, in einer Gesellschaft, die sich immer mehr zu polarisieren scheint und in der verstärkt nur noch die extremen Stimmen wahrgenommen werden“, so Gärtner laut Manuskript beim Festakt zum 75-jährigen Bestehen des Landeskomitees der Katholiken am Montagabend, 19. Oktober, in der Allerheiligen-Hofkirche der Residenz in München. Die „Vernunft des Glaubens“ bestehe unter anderem in der uneingeschränkten Anerkennung der unveräußerlichen Würde eines jeden Menschen, im Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung und im Schutz von Natur, Umwelt und Klima, sagt Gärtner. Er macht deutlich, dass das Landeskomitee die Stimme der Menschen sein wolle, die Politik und Gesellschaft demokratisch und die Kirche synodal mitgestalten wollen.
Die Zukunft der Kirche entscheide sich daran, erklärt der Landesvorsitzende, ob es gelinge, an möglichst vielen Orten eine kritische Masse ehrenamtlich engagierter Frauen und Männer zu organisieren, die in ihrer Nachbarschaft und in ihrem sozialen Umfeld ein glaubwürdiges Zeugnis für die Frohe Botschaft geben würden. „Dazu braucht es auch in der katholischen Kirche mehr Synodalität, in den Diözesen, in Bayern, in Deutschland und weltweit“, so Gärtner.
Bertram Meier, Bischof von Augsburg, betont in seinem Grußwort als Vertreter der Freisinger Bischofskonferenz, dass das Landeskomitee aus der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit im Freistaat Bayern nicht mehr wegzudenken sei: „Es ist in Bayern unverzichtbar!“ Die Arbeit des Landeskomitees sei „erst recht bedeutend in einer Zeit, in der der Kirche zunehmend das Recht abgesprochen wird, sich politisch zu äußern“. Dahinter verberge sich ein schwerwiegendes Missverständnis über den Glauben, so Meier. „Die Kirche solle sich lieber um Gott kümmern, wird uns oft entgegengehalten. Die Kirche ist tatsächlich zwar dazu da, Gott zu loben und zu preisen. Sie tut dies aber nicht nur durch Gebete und Lobgesänge.“ Zum Lobpreis Gottes gehöre es auch, sich aktiv für die Menschen und die Schöpfung einzusetzen, hebt der Bischof hervor. „Deshalb lassen wir uns als Christen von öffentlicher Kritik nicht irre machen. Das Heil ist zwar eine jenseitige Vorstellung, aber der Glaube ist keine Vertröstung auf das Jenseits, sondern eine Verpflichtung zum Handeln in der Welt“, so Meier. Das Landeskomitee fühle sich seit 75 Jahren dem Auftrag verbunden, mit Entschlossenheit Neues zu planen und auszuführen. Bereits seine Gründung sei ein „selbstbewusster Akt engagierter Laien“ gewesen, „außerordentlich mutig, aber auch weitsichtig und für uns bis heute wertvoll“, betont er.
Joachim Herrmann, Bayerischer Staatsminister des Innern, für Sport und Integration und Vertreter der Bayerischen Staatsregierung, verweist in seinem Grußwort im Rahmen des Festakts darauf, dass das Landeskomitee seit seiner Gründung weit mehr als nur ein wichtiges innerkirchliches Gremium sei: „Es ist die starke gemeinsame Stimme der katholischen Laien in unserem Freistaat – und eine wichtige Brücke zwischen Kirche, Politik und Gesellschaft.“
Unser Festredner, Prof. Dr. Michael Seewald (LMU München), hielt ein Plädoyer für die Vielfalt einer suchenden und nachsinnenden Kirche. Sein Resümee im Wortlaut:
„Die spannungsreiche Dynamik in der Kirche, durch die Christus im Zueinander verschiedener sakramental qualifizierter Akteure gegenwärtig wird, hat einen bestimmten Zweck: Die Kirche soll, so das Zweite Vatikanische Konzil, allen und jedem das sichtbare Sakrament der „heilbringenden Einheit“ sein (Lumen gentium 9). Die Frage nach dem Heil der Menschen und dem Heil der gesamten Welt ist für das Konzil von herausgehobener Bedeutung. Und es wäre der Kirche zu wünschen, dass diese Heilsthematik stärker in den Mittelpunkt der Diskussionen um Reformen, Strukturveränderungen und Zukunftspläne rückt, als dies derzeit der Fall ist. In der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es sogar: „Gestützt auf die Heilige Schrift und die Tradition, lehrt sie [sc. die Heilige Synode], daß diese pilgernde Kirche zum Heile notwendig sei“ (Lumen gentium 14). Das Konzil sagt nicht einfach: Die Kirche ist heilsnotwenig. Sondern das Konzil hat eine bestimmte Daseinsweise der Kirche – man könnte sagen: eine Morphologie des Kircheseins – vor Augen, wenn es von der Heilsnotwendigkeit der Kirche spricht. Es ist die pilgernde Kirche, die zum Heil notwendig erscheint – nicht die triumphierende, nicht die lehrende, nicht die besserwisserische Kirche, auch nicht die Kirche der Macht, des Besitzes oder der Heilsgewissheit. Nein, es ist die pilgernde Kirche. Das Konzil erklärt auch, was es sich unter einer pilgernden Kirche vorstellt.
„Solange aber die Kirche hier auf Erden in Pilgerschaft fern vom Herrn lebt (vgl. 2 Kor 5,6), weiß sie sich in der Fremde, so daß sie sucht und sinnt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten des Vaters sitzt, wo das Leben der Kirche mit Christus in Gott verborgen ist, bis sie mit ihrem Bräutigam vereint in Herrlichkeit erscheint“ (Lumen gentium 6).
Das Kennzeichen der pilgernden Kirche besteht darin, dass sie „sucht und sinnt“, quaerat et sapiat, so das Konzil. Diese suchende und nachsinnende, fragende Kirche – nicht: die Kirche, die schon gefunden hat und alles weiß – ist es, von deren Heilsnotwendigkeit auf dem Konzil gesprochen wird. Suchen und Nachsinnen sind also keine Ablenkungen oder Verwässerungen des eigentlichen Auftrags der Kirche, sondern sie gehören zum Heilsdienst der Kirche konstitutiv dazu.
Eine Kirche, die sucht und sinnt – quaerat et sapiat –, ist eine Kirche, die sich einen Sensus für das Nichtselbstverständliche in der Welt bewahrt. Eine Kirche, die sucht und sinnt, ist eine Kirche, die gemeinschaftlich um den rechten Weg ringt. Eine Kirche, die sucht und sinnt, ist eine Kirche, die aus vielen Akteuren besteht – Getauften und Geweihten, Verbänden und Orden, Räten und Gremien, Überzeugten und Skeptikern, Gläubigen und Zweiflern, Frommen und Distanzierten. Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern hat der Vielfalt dessen, was es bedeutet, eine suchende und sinnende Kirche zu sein, in den vergangenen 75 Jahren Ausdruck verliehen. Möge ihm das auch in Zukunft gelingen.“ (hor/bra)