Ausgabe: November-Dezember 2023

Schwerpunkt

Kirchliche Rituale im Leben der Menschen

Nach wie vor sind kirchliche Rituale bei Lebenswenden beliebt. Dabei geht es um mehr als um die Erfüllung von individuellen Erwartungen. Foto: photo4passion.at / Adobe stock

Während die regelmäßige Mitfeier der Sonntagsgottesdienste für die meisten Kirchenmitglieder längst nicht mehr selbstverständlich ist, finden manche Sakramente und Sakramentalien auch heute eine relativ große Akzeptanz. Kinder getaufter Eltern werden nach wie vor in den meisten Fällen auch getauft. Die kirchliche Trauung ist für viele weiterhin das eigentliche Hochzeitsfest. Auch bei einem sonst relativ losen Kontakt zur Kirche wünschen die meisten zumindest ein kirchliches Begräbnis – für sich selbst, aber auch für ihre Angehörigen.

Drei Feiern verbindet ein enger Zusammenhang mit wichtigen Lebenssituationen des Menschen: Geburt, Eheschließung und Tod verlangen offensichtlich eine rituelle Begehung, für die in den meisten Teilen des deutschen Sprachgebietes den Kirchen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit die größte Feierkompetenz zugesprochen wird. Liturgie, die in irgendeiner Weise biographisch situiert wird, trifft offensichtlich auf eine Offenheit bei den Menschen. Aufgrund der sozialen Gepflogenheiten gilt dies sogar für die Erstkommunion, weil hier die Kinder oft noch jahrgangsmäßig vorbereitet werden und somit die Erstkommunionfeier als gemeinsames Fest einer bestimmten Altersstufe erlebt wird. Ähnliches konnte früher auch für die Firmung gesagt werden; doch dürften hier die unterschiedlichen pastoralen Konzepte, die Differenz von Lebensumfeld und Pfarrgemeinde und der durch die Pubertät geforderte Selbststand den Sozialdruck gemindert haben. Ist mit der Firmung kein außerkirchlicher Zugewinn mehr verbunden (Geschenke, das erste Bier in der Öffentlichkeit oder Ähnliches), wird sie für Jugendliche, die keine aktive Gemeindebeziehung haben, wohl auch kaum mehr als lebensgeschichtlich bedeutsam erfahren. Damit bestätigt ihre überproportional abnehmende Akzeptanz noch einmal die Beobachtung, dass biographisch situierte Sakramente und Sakramentalien einen signifikant größeren Zuspruch erfahren als jene Feiern, die eine genuin kirchliche Motivation verlangen.

Kirchliche Sinngehalte und individuelle Zuschreibungen

Sachgemäß muss an dieser Stelle natürlich daran erinnert werden, dass die Taufe gerade nicht eine Feier der Geburt ist, sondern aus theologischer Perspektive das erste und grundlegende Sakrament, mit dem die oder der Einzelne Christ wird. Die bei uns übliche Kindertaufe ist sakramententheologisch eher eine Randform, deren tieferer Gehalt sich aus der Bedeutung der Taufe im Prozess der Erwachseneninitiation ergibt. Durch die Taufe wird der Taufbewerber in die Kirche eingegliedert. Voraussetzung ist, dass er seinen Glauben bekennt, sich vom Leben der Sünde abwendet und sich am Evangelium orientiert. So wird ihm von Gott Vergebung geschenkt und er wird an Kindes statt von Gott angenommen.

Diese theologische und kirchliche Sinnbestimmung der Taufe dürfte allerdings nicht deckungsgleich sein mit dem, was viele Eltern für ihr Kind mit der Taufe tun wollen. Eine noch größere Differenz dürfte sich häufig zwischen dem kirchlichen Selbstverständnis und den Erwartungen der Brautleute beim Sakrament der Ehe ergeben. Das theologische Konzept der kirchlichen Begräbnisfeier, das sich in zahlreichen Bitten um Vergebung für den Verstorbenen und vor allem in den Aussagen über ein ewiges Leben bei Gott ausdrückt, wird ebenfalls sicher nicht von all denen geteilt, die um eine kirchliche Bestattungsfeier bitten. Nicht selten kann sich der Eindruck ergeben, dass manche den theologischen „Überbau“ in Kauf nehmen, um eine schöne beziehungsweise dem Anlass angemessene Feier zu erleben.

Mehr als ein Tauschgeschäft

Nüchtern kann man freilich davon ausgehen, dass auch in ungeschmälert volkskirchlichen Zeiten die Vorstellungen der frommen Kirchenmitglieder nicht identisch waren mit dem, was Kirche und Katechismus über die Sakramente lehrten. Und doch haben immer mehr Seelsorgerinnen und Seelsorger – verbunden mit den unterschiedlichsten Infragestellungen dieser Zeit – den Eindruck, dass die Differenz zwischen theologischer Sinnbestimmung und populärem Verständnis zunehmend größer wird. Sie fragen sich deshalb, ob in allen Fällen, in denen um Sakramente gebeten wird, wirklich die Sakramente gewünscht werden. Verbirgt sich nicht hinter manchen Anfragen eine eher unspezifische Sehnsucht nach rituellem Tun? Für nicht wenige Menschen scheint das kirchliche Ritenangebot an wichtigen Stellen des Lebens der eigentliche Grund für ihre Kirchenmitgliedschaft zu sein. Ganz im Sinne einer Tauschlogik investieren sie über viele Jahre in diese Mitgliedschaft, um bei entsprechender Gelegenheit daraus den erhofften Nutzen, die rituelle Inszenierung und Begleitung bestimmter Lebenssituationen, ziehen zu können. Ist es aber im Blick auf die Menschen und im Blick auf die Kirche und ihre Sorge um die Sakramente zu verantworten, allen Wünschen nachzukommen?

Geheimnisse feiern statt Erwartungen befriedigen

Ein sprechender Titel eines Beitrags des kürzlich verstorbenen Münchener Liturgiewissenschaftlers Winfried Haunerland (1956–2023) zitiert eine redaktionell eingefügte Überschrift aus dem Briefwechsel Carlo Kardinal Martinis (1927–2012) mit Umberto Eco (1932–2016) und lautet: „Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sie feiert Geheimnisse“. Und in der Tat ist der tragende Grund christlicher Liturgie nicht ein menschliches Grundbedürfnis. Vielmehr feiert die Kirche Liturgie, weil sie sich dazu von Jesus beauftragt und von Gott bevollmächtigt sieht. In dichtester Form findet sich der Auftrag im jesuanischen Stiftungswort für die Eucharistie: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19). Auch die Taufe hat ihren normativen Grund in einem biblisch bezeugten Taufbefehl des Auferstandenen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Mt 28,19–20) Zu erwähnen sind ebenso die zahlreichen Ermahnungen zum Gebet – auch zum Gebet in Gemeinschaft, gemäß der Zusage Jesu: „Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,19–20) Weil Gott die Kirche als ein priesterliches Volk (vgl. Offb 1,6; 1 Petr 2,9) berufen hat, ist sie zum Gottesdienst ermächtigt und damit auch beauftragt, Gott zu loben und ihn zu preisen, aber auch für alle Menschen vor Gott zu beten.

Insofern ist die Liturgie von ihrem Wesen her mehr als eine beliebige Übung zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse. Weil der Mensch freilich Geschöpf Gottes ist, dürfen wir in seinen religiösen Bedürfnissen allerdings auch ein Zeichen für seine ihm von seinem Schöpfer eingestiftete Offenheit auf Gott hin sehen. Insofern kann es nicht verwundern, dass es Konvergenzen zwischen dem gibt, was die religiöse Grundanlage des Menschen verlangt und was sich in der Liturgie vollzieht. Theologisch versierte, pastoral kluge und menschlich einfühlsame Seelsorgerinnen und Seelsorger haben daher die anspruchsvolle Aufgabe, diese Konvergenzen zu erkennen und zu fördern. Noch anspruchsvoller ist aber die Anforderung, auch mit eventuell auftretenden Divergenzen zwischen kirchlichen Sinngehalten und individuellen Bedeutungszuschreibungen im Kontext liturgischer Feiern konstruktiv und produktiv umzugehen.

Stefan Kopp ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Geschichte und Theologie des liturgischen Raumes, Liturgiegeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, ekklesiologische, liturgietheologische und pastoralliturgische Fragestellungen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und kirchlichen Transformationsprozessen sowie Liturgie und Ökumene. Zuletzt erschien von ihm u. a.: Der Vielfalt Raum geben. Zum ambivalenten Potenzial einer differenzsensiblen Kirche (Kirche in Zeiten der Veränderung 14), hg. mit Barbara Brunnert und Winfried Haunerland, Freiburg i. Br. 2022. Stefan Kopp betreut die 2020 initiierte theologische Reihe „Kirche in Zeiten der Veränderung“ im Verlag Herder.


Verfasst von:

Stefan Kopp

Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München