Ausgabe: November-Dezember 2023
Schwerpunkt„Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr …“
Der Dienst am Nächsten als Motivation für das ehrenamtliche Engagement in der Feuerwehr!
Immer wieder muss der Spagat zwischen Tradition und Zukunftsfähigkeit auch in der Feuerwehr gemeistert werden. Viele Wehren befinden sich in einem Generationenwechsel. Die Anforderungen in allen Bereichen steigen rasant an. Familie, Alltag und Beruf müssen mit ehrenamtlichem Engagement in Einklang gebracht werden.
Bereits im Mittelalter gab es entsprechende Vorkehrungen, um in den Städten für Sicherheit zu sorgen. So wurde der Brandschutz zur Bürgerpflicht erhoben, damals haben sich jedoch noch keine festen Strukturen in der Brandbekämpfung etablieren lassen, sodass oftmals ganze Städte ein Raub der Flammen wurden. Die Erkenntnis, dass es einer besseren Organisation des Brandschutzes bedarf, führte vor circa 150 Jahren in ganz Bayern zur Gründung zahlreicher Feuerwehren.
Im Laufe der Jahrzehnte haben sich Technik, Abläufe und Strukturen im Feuerwehrwesen grundlegend verändert: mittlerweile gibt es in den Städten gut ausgebaute Hydrantennetze, hydraulische Gerätschaften müssen nur mehr mit wenig Muskelkraft betätigt werden. Bei all dem Fortschritt in der Technik sind das Leitmotiv und die oberste Maxime seit 150 Jahren jedoch unverändert geblieben: „Retten – Bergen – Schützen – Löschen“ und „Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr“. Hierin spiegelt sich das allseits bekannte Doppelgebot der Liebe wider: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lk 10,27) In Zeiten, in denen der Bezug zu Kirche und Glaube augenscheinlich in der Gesellschaft immer mehr an Bestand verliert, lässt sich ein ureigenes christliches Motiv als Fundament für ehrenamtliches Engagement identifizieren. Neben sicherlich auch anderen Motivationen ist es die Nächstenliebe, die so viele Männer und Frauen im haupt- und ehrenamtlichen Feuerwehrdienst antreibt, auch ihr eigenes Leben zu riskieren und sich zum Wohle der Mitbürgerinnen und Mitbürger einzusetzen.
Das Engagement in der Feuerwehr ist mehr als eine reine Pflichterfüllung!
Auch die Freiwillige Feuerwehr der Kreisstadt Mühldorf am Inn wurde vor mehr als 150 Jahren gegründet. Aktuell zählt die Mühldorfer Wehr 69 aktive Mitglieder im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, in der Jugendfeuerwehr sind derzeit 15 Mädchen und Buben zwischen 12 und 18 Jahren aktiv. Darüber hinaus gibt es weitere passive oder fördernde Mitglieder. Ca. 200 Einsätze im Jahr werden von den Feuerwehrfrauen und -männern ehrenamtlich und unentgeltlich abgeleistet – rund um die Uhr.
Bereits beim Eintritt wird man offen und wohlwollend aufgenommen, sehr schnell stellt man fest, dass man sich hier unter Gleichgesinnten mit ähnlichen Interessen befindet. Die regelmäßigen dienstlichen Termine sowie die Aktivitäten des Feuerwehrvereins stärken das Gemeinschaftsgefühl der Kameradinnen und Kameraden. Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern geht inzwischen über die normale Pflichterfüllung hinaus, mit der Zeit entwickeln sich wahre Freundschaften und soziale Netzwerke, die sich auch im privaten Alltagsleben gegenseitig helfen und unterstützen. Oftmals generiert sich der Nachwuchs in der Jugendfeuerwehr auch dadurch, weil Kinder und Jugendliche das Engagement ihrer Eltern in der Feuerwehr hautnah miterleben und so mit dem „Blaulicht-Virus“ infiziert werden – sprich sich selber in dieser Gemeinschaft engagieren wollen, die auch eine vielfältige und abwechslungsreiche Freizeitbeschäftigungsmöglichkeit bietet. Das Herzblut für den Feuerwehrdienst und das gute kameradschaftliche Verhältnis innerhalb der Wehr trägt wesentlich dazu bei, dass die Mitglieder der Feuerwehr tagtäglich ihren Dienst verrichten und sich über das Maß hinaus mit ihrem Engagement zum Wohle aller einsetzen!
Tradition trifft Moderne: Wie sich weltliches und kirchliches Brauchtum auch heute noch im Feuerwehrdienst wider-spiegelt!
Mit der Etablierung des Feuerwehrdienstes in ganz Bayern ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben sich auch zahlreiche Bräuche und Traditionen entwickelt, die in den Feuerwehren heute noch gepflegt und „hochgehalten“ werden. Gerade bei uns in Bayern ist die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen, der kommunalen Einrichtung Feuerwehr und Vereinen von einem guten und wohlwollenden Verhältnis gekennzeichnet. So kommt es immer wieder vor, dass die Feuerwehren von Kirche und Gesellschaft außerhalb ihrer Pflichtaufgaben um entsprechende Amtshilfe gebeten werden.
Am Beispiel der Feuerwehr Mühldorf wäre hier zu nennen:
- Absichern der jährlichen Fußwallfahrt nach Altötting und der Fronleichnamsprozession.
- Unterstützung beim Maibaumaufstellen mit der Drehleiter.
- Absicherung diverser Festumzüge, z. B. im Fasching, beim Volksfest oder am Volkstrauertag.
Umgekehrt geht auch die Freiwillige Feuerwehr Mühldorf auf die Pfarrei vor Ort zu und erbittet Gottes Schutz und Segen für ihren täglichen Einsatz:
- Segnung eines neuen Fahrzeuges vor der ersten Indienststellung.
- Gottesdienst am Gedenktag des Hl. Florian (4. Mai) mit dem Totengedenken der im Laufe des letzten Jahres verstorbenen Mitglieder.
- Gottesdienste zur Erinnerung an das Gründungsjubiläum (z. B. 150-jähriges Bestehen) oder jedes Jahr im Dezember zum Jahresabschluss.
Ebenfalls zahlreich sind die Bräuche und Riten, die sich in der Feuerwehr Mühldorf an den Lebenswenden der Menschen vollziehen:
- Aufstellen eines „Storchenbaumes“ zur Geburt eines Kindes.
- Geburtstagsbesuch um Mitternacht bei einem runden Geburtstag.
- Spalier stehen in Uniform bei der standesamtlichen / kirchlichen Trauung und Übergabe einer Figur des Heiligen Florian für das gemeinsame neue Eigenheim.
- Seelsorgliche Begleitung während oder nach belastenden Einsätzen im Rahmen der Psychosozialen Notfallversorgung im Bereich der Einsatzkräfte.
- Stellen einer Fahnenabordnung oder Ehrenwache bei Begräbnissen sowie Würdigung der verstorbenen Kameraden mit einer entsprechenden Trauerrede am Grab.
Durch das Pflegen eines gemeinsamen Brauchtums sowie das Feiern gemeinsamer Feste wird auch der gesellschaftliche Zusammenhalt der Bevölkerung vor Ort gestärkt und gefördert.
Gestern – Heute – Morgen: Tradition und Zukunftsfähigkeit bedingen sich gegenseitig!
Hierbei können langjährige Traditionen eine Hilfe und Stütze sein. Sie können, richtig gepflegt und in die Zukunft gewandt, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Identität stiften. Sie erinnern, nicht als Selbstzweck, sondern als immerwährender Appell, die Männer und Frauen in den Feuerwehren daran, warum sie diesen Dienst tagtäglich ausüben: „Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr!“ – Jesu Auftrag, modern gelebt!
Verfasst von:
Gerhard Deißenböck und Regina Spiegler
Fachberater Seelsorge/Psychosoziale Notversorgung im Ereignisfall (PSNV-E), Freiwillige Feuerwehr Kreisstadt Mühldorf am Inn bzw. Feuerwehrfrau, Freiwillige Feuerwehr Kreisstadt Mühldorf am Inn