Nach dem Superwahlmonat im März 2026 hat das Landeskomitee der Katholiken in Bayern gemeinsam mit der Katholischen Akademie Bayern die neuen politischen Realitäten in den frisch gewählten Gremien in den Blick genommen. Unter dem Titel „Rechtsextreme im Pfarrgemeinderat? Die Lage nach den Wahlen“ ging es um Analysen, Einordnungen und einen Ausblick auf die gerade beginnenden Amtsperioden.
„Mit Blick auf die Pfarrgemeinderatswahlen überwiegt die Erleichterung, gesamtgesellschaftlich eher die Sorge“, sagte der Vorsitzende des Landeskomitees, Christian Gärtner, eingangs der digitalen Veranstaltung. Er zeigte sich zufrieden mit den Ergebnissen der Pfarrgemeinderatswahlen, die am 1. März 2026 stattgefunden hatten. In allen bayerischen Diözesen sei eine Wahlbeteiligung im zweistelligen Bereich erreicht worden, bayernweit liege sie bei 14,31 Prozent. Damit sei der Anteil deutlich höher als derjenige der regelmäßigen Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher. Für Christian Gärtner ein klares Zeichen dafür, dass Kirche vor Ort nach wie vor Bindungskräfte entfalten und die Menschen in den Pfarrgemeinden erreichen könne. Inwiefern sich das Erstarken populistischer und rechtsextremer Strömungen der vergangenen Jahre auch bei den Pfarrgemeinderatswahlen niederschlagen würde, habe die Mitglieder des Landeskomitees, insbesondere die bayerischen Diözesanräte, im Vorfeld der diesjährigen Wahlen stark umgetrieben. So seien in einigen Diözesen Satzungen und Wahlordnungen entsprechend angepasst worden, zu den Materialien der PGR-Wahl-Kampagne gehörte erstmals auch eine Handreichung zum Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus, die einen Handlungsleitfaden bietet und weitere Beratungsangebote und Anlaufstellen auflistet.
„Wir schauen bei den Pfarrgemeinderatswahlen nicht auf das Parteibuch“, stellte Christian Gärtner klar. „Aber wir schauen, ob unsere Mitglieder im Widerspruch zum christlichen Glauben, unseren Werten, Überzeugungen und unserem Menschenbild handeln.“ Die anfängliche Befürchtung, die Neuwahlen könnten viele Mitglieder der AfD in die Pfarrgemeinderäte spülen, habe sich nach aktuellem Stand nicht bestätigt, so der Vorsitzende des Landeskomitees weiter. Die in den bayerischen Diözesen im Kontext der Pfarrgemeinderatswahlen bekanntgewordenen Fälle zu problematischen Kandidaturen liegen im einstelligen Bereich.
Strategien zum Umgang mit Rechtsextremismus
Ganz anders dagegen, wenn man die bayerischen Kommunalwahlen betrachtet, die am 8. März 2026 stattgefunden haben. Hier konnte die AfD mehr als 700 Mandate mehr erringen als noch vor sechs Jahren. Jan Riebe leitet das Kompetenzzentrum Rechtsextremismus und Demokratieschutz bei der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin und ist Experte für Extremismusprävention. In seinem Impuls stellte er bewährte und erprobte Strategien zum Umgang mit Rechtsextremen in Parlamenten vor und zeigte auf, was davon für kirchliche Gremien wie den Pfarrgemeinderat adaptierbar ist. Denn – und auch das hatte der Vorsitzende des Landeskomitees herausgestellt – auch wenn die Fallzahlen im Kontext der Wahlen gering waren, so könne sich doch auch erst in nächster Zeit, wenn sich die neuen Pfarrgemeinderäte konstituieren, herausstellen, dass Menschen mit rechtsextremer Gesinnung im Gremium sitzen.
Jan Riebe machte deutlich, dass es nicht DIE eine richtige Verfahrensweise und auch keinen Königsweg gebe. Wichtig sei es, klare rote Linien zu benennen und für das eigene Gremium Mindeststandards und Minimalkonsense festzulegen, von denen auch nicht abgewichen werden dürfe. Zudem solle stets aus der eigenen Position heraus argumentiert werden, im Pfarrgemeinderat auf Basis des christlichen Blickes auf die Menschen. Kontraproduktiv sei es dagegen, Rechtsextremen und ihren Äußerungen zu viel Raum und Bühne zu geben, man solle sich nicht an ihnen „abarbeiten“ und stattdessen Kontrapunkte mit eigenen Sachthemen setzen und ein eigenes Gesellschaftsbild dem ihren gegenüberstellen.
In der anschließenden Diskussion wurde eine Sorge deutlich artikuliert: die Brandmauer bröckelt, im Kleinen wie im Großen. Die roten Linien werden undeutlich, Grenzen verschwimmen. Und dann stellt sich die Frage: Welche Kraft kann Kirche (noch) entfalten, welchen Beitrag leisten für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft und als Gegenargument zu Menschenfeindlichkeit, Hass und Radikalismus?
Die digitale Veranstaltung in der Reihe „Akademiegespräch am Mittag“ war eine Kooperation von Landeskomitee und Katholischer Akademie Bayern. Den in der Diskussion angestoßenen Themen und offenen Fragen soll in weiteren Veranstaltungen der Reihe nachgegangen werden.
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